24. Apr 2017

23andMe: Neuer Gentest, alte Fragen

Alzheimer, Parkinson, Zöliakie – die Firma 23andMe bietet wieder einen medizinischen Gentest an. Doch dem Kunden hilft das nur bedingt.

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt – so ungefähr lautete einmal das Versprechen der Gentests. Auf die Einlösung warten wir allerdings noch immer. Nun kommt nach vielen Jahren Pause wieder ein neuer Gentest auf den Markt, aber das beweist vor allem eines: Auch mit einem unerfüllten Versprechen lässt sich ordentlich Geld verdienen.

Die US-amerikanische Firma 23andMe startete im Jahr 2006 mit einem idealistischen Geschäftsmodell: Den Kunden über seine genetischen Risikofaktoren informieren, um ihm eine gezielte Krankheitsvorsorge zu ermöglichen. Doch die Wissenschaft war noch nicht so weit, das Geschäft wurde schwieriger, und dann gab es noch großen Ärger mit der Gesundheitsbehörde. Aber statt aufzugeben, ließ die Firma den Idealismus fahren und ersann ein profitables Geschäftsmodell: Die Daten des Kunden an die Pharmaindustrie zu verkaufen.

Neuer Gentest für zehn Krankheiten

Nun ist auch der Streit mit der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA beigelegt. 23andMe darf einen neuen Gentest auf den Markt bringen, der das Risiko für zehn Krankheiten abschätzt. Und mehr noch – die FDA gewährt ein privilegiertes Verfahren, um in Zukunft weitere Krankheiten in den Test einzuschließen.

Findet 23andMe damit zu den alten Idealen zurück? Kommt jetzt die gezielte Krankheitsvorbeugung? Ganz eindeutig nein. Keine der Krankheiten kann durch eigene Maßnahmen verhindert werden – medizinisch bringt die Information dem Kunden wenig.

Parkinson und Alzheimer als Zugpferde

Doch die Angst vor der Zukunft könnte den Verkauf ankurbeln: Parkinson und Alzheimer, weithin gefürchtete Altersleiden, bilden den Kern des neuen Gentests. Manch einer wird wissen wollen, was ihn später erwartet, und sich von dem Test einen Fingerzeig erhoffen – ob es ihm nun weiterhilft oder nicht.

Die übrigen Krankheiten spielen da eindeutig eine Nebenrolle. Mit der Zöliakie werden die meisten noch etwas anfangen können, doch die anderen Krankheiten sagen wohl nur den medizinisch Gebildeten etwas. Ihre Namen sind oben in der Abbildung aufgelistet: Stoffwechsel- und Blutstörungen, die äußerst selten sind und im Alltag kaum eine Rolle spielen.

Statistik statt Gewissheit

Der neue Gentest kann auch nicht sagen, ob jemand tatsächlich erkrankt – er analysiert nur genetische Varianten und schätzt daraus das Risiko ab. Der Informationsgehalt dieser Abschätzungen variiert beträchtlich. So steigert etwa die Gen-Variante GBA-N370S das Risiko, an Parkinson zu erkranken, von 0,3 auf 1 %. Das ist zwar ein Steigerung um das Dreifache, heißt aber auch, dass 99 von 100 Betroffenen gesund bleiben werden.

Dramatischer können die Resultate bei Alzheimer ausfallen. Hier liegt das durchschnittliche Krankheitsrisiko bei 9 %, kann jedoch bis auf 87 % ansteigen, wenn im Erbgut zwei Kopien des Gens ApoE4 vorliegen. Doch wie bereits gesagt – ändern kann ein Betroffener nichts. Es gibt keine Vorsorge für Alzheimer, es gibt noch nicht einmal eine wirksame Behandlung.

Information oder Überforderung?

Warum dann ein Gentest? „Die Kunden wollen das wissen“, sagt Anne Wojcicki, Mitgründerin von 23andMe. Ein legitimes Argument: Wer sich informieren möchte, soll die Möglichkeit dazu haben – ob es ihm hilft oder nicht, es ist allein seine Entscheidung. Nichts ist moralisch verwerflich daran, wenn 23andMe diesen Test anbietet.

Aber eine kritische Frage drängt sich auf: „Versteht der Kunde das Ergebnis?“ Und hier setzen die Zweifel vieler Experten an. Die Analyse genetischer Varianten ist komplex, die darauf aufbauende Risikoabschätzung mit vielen Unsicherheiten behaftet. Konkrete Aussagen können selbst Spezialisten schwerfallen, wie soll es da Menschen ohne molekulargenetische Vorbildung gehen? Wird der Kunde tatsächlich informiert, oder nur mit unverständlichen Daten konfrontiert, die unbegründete Ängste auslösen können?

23andMe hat sicher einen Coup gelandet: Die Firma wird noch mehr Tests verkaufen und noch mehr Kunden mit genetischen Informationen versorgen. Sie wird noch mehr Daten sammeln und diese an Pharmafirmen weitergeben, die diese vielleicht sogar sinnvoll nutzen können. Doch der ursprüngliche Traum – Gentests als Vorbeugung für Krankheiten – ist der Erfüllung um keinen Schritt näher gekommen.

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