4. Feb 2017

Chimäre aus Mensch und Schwein – einen Versuch ist es wert

Forscher erzeugen eine Chimäre aus Mensch und Schwein, um in ferner Zukunft Organe für die Transplantation zu züchten. Die Kommentare sind meist ablehnend – und tendenziell unfair.

Manipulation eines Schweine-Embryos, der menschliche iPS-Zellen injiziert bekommt. Dies ist das Foto der offiziellen Pressemitteilung, doch die meisten Zeitungen wählten ein anderes: Einen Embryo, dessen blutroter Bauch Furchtbares erahnen lässt. Auch eine Art der Manipulation. Quelle: Wu et al. / Cell

Chimäre – ein Begriff, der alles andere als positiv besetzt ist. Man kennt sie aus SF-Filmen, wahlweise als gefährliches Monster oder beklagenswertes Opfer von Genexperimenten. Und nun erschaffen Forscher genau das: Eine Chimäre, ausgerechnet noch zwischen Mensch und Schwein. Die Reaktion war vorhersehbar.

Erstmal das Positive – fast alle Berichte in der Presse sind um Sachlichkeit bemüht. Der Ton ist angenehm unaufgeregt, weit entfernt von billiger Sensationshascherei. Und doch schimmert eine grundsätzliche Ablehnung durch, die sich in zwei wiederkehrenden Motiven niederschlägt: einem leichten Grusel über diesen unheimlichen Versuch und dem Beharren, dass er (scheinbar) aussichtslos ist.

Viel-Schwein-wenig-Mensch-Chimäre

Zuerst noch ein paar Worte zum eigentlichen Experiment. Forscher um Juan Carlos Izpisua Belmonte vom kalifornischen Salk Institut haben menschliche iPS-Zellen in frühe Schweine-Embryonen (Blastozysten) injiziert und diese dann Muttersäuen in die Gebärmutter eingepflanzt. Nach spätestens 28 Tagen wurden alle Embryonen getötet und zur Untersuchung entnommen. 67 von 186 Embryonen erwiesen sich als Chimären, obwohl der Grad extrem gering war: Auf 100 000 Zellen des Schweins kam gerade ein einzige menschliche Zelle.

Das kann man als Fehlschlag deuten (wie der Kollege und Konkurrent Hiromitsu Nakauchi es tut), aber Belmonte betont das Positive daran: Das Schwein hat sich nicht spontan vermenschlicht. Der Vorteil ist, dass es nun als ethisch unbedenkliche Zuchtstätte für neue Organe dienen kann (die dann in einer Nische entstehen sollen, wie hier ganz gut erklärt ist). Und damit wären wir beim übergeordneten Ziel – den Mangel an Organen für die Transplantation zu beheben. Und der ist gewaltig, allein in Deutschland standen zuletzt jährlich 875 Spender etwa 10 000 Schwerkranke auf einer Warteliste gegenüber.

Deutscher Ethikrat gar nicht so ablehnend

Ein riesiges Problem also, und so sollten auch unkonventionelle Ansätze zumindest die Chance auf eine faire Diskussion haben – eigentlich. Doch die Abneigung ist spürbar, wenn auch selten so deutlich formuliert wie in der FAZ. Der Kommentator unterstellt Belmonte rücksichtslosen Ehrgeiz und poltert: „Es ist nicht mehr als ein Durchbruch für die Experimentatoren.“ Und später behauptet er, dass die „ethische und rechtliche Diskussion um die Erzeugung von Mensch-Tier-Schimären selbst in den liberalsten Ländern bisher fast nie zu ihren Gunsten verlaufen war.“

Von welchem Land er da wohl redet? Von Deutschland jedenfalls nicht. Schon 2011 befand der deutsche Ethikrat, dass die Forschung mit Mensch-Tier-Chimären durchaus akzeptabel ist – sofern sie einem höheren Gut dient. Und das ist auch hier der Fall, wie der Vorsitzende Peter Dabrock ausdrücklich in Hinblick auf dieses Experiment bestätigt.

Um es auf den Punkt zu bringen – der ethische Streit um Chimäre ist wesentlich kleiner, als uns der Großteil der deutschen Presse – explizit oder implizit – glauben machen will. Und dass Belmonte mit seinem Versuch sämtliche ethischen Richtlinien, inklusive der deutschen, penibel befolgte, hätte auch etwas mehr Würdigung verdient.

Wenig aussichtsreich?

Nun zum zweiten Einwand: Die Chance ist gering, dass Mensch-Tier-Chimären jemals Organe für die Transplantation liefern. Das ist vermutlich korrekt – aber was tut das hier zur Sache? Soll man es deswegen noch nicht einmal versuchen?

Und wie sehen die Alternativen aus? Etwa Brutreaktoren, oder „mit Stammzellen gefüllte Organkapseln“ sowie ein 3D-Druck von Organen – so allen Ernstes die FAZ, die glaubt, dass diesen Ansätzen „deutlich größere Realisierungschancen eingeräumt werden“. Von wem, möchte man da fragen.

Andere Zeitungen gaben sich deutlich mehr Mühe mit der Recherche und fragten bei echten Experten nach. Das sind in Deutschland Eckhard Wolf von der LMU München und Heiner Niemann vom Friedrich-Loeffler-Institut in Neustadt. Beide weisen zu Recht darauf hin, dass das Feld der Xenotransplantation – auf dem sie selber arbeiten – schon deutlich weiter ist. Hier werden Tier-Organe direkt entnommen und dem Menschen transplantiert. Mit viel Glück könnten schon 2020 die ersten klinischen Studien mit Menschen starten.

Unerwähnt bleibt jedoch, dass das Feld der Xenotransplantation ebenfalls seit Jahrzehnten mit riesigen Problem kämpft und nur mühsam von der Stelle kommt. Wenn es in diesem Tempo weiter geht, haben die Chimären mehr als genug Zeit, verlorenen Boden gut zu machen.

Warum nicht Alternativen erkunden?

Auch ich hoffe, dass die Xenotransplantation rasche und vor allen Dinge dauerhafte Erfolge hat. Aber muss ich deshalb mögliche Alternativen von Anfang an klein reden? Im besten Falle hätte man in Zukunft zwei Methoden zur Auswahl, die sich gegenseitig ergänzen: Vielleicht ist eine ja besser für Herzen, die andere besser für Nieren geeignet.

Niemanden gefällt die Vorstellung von Mischwesen aus Mensch und Schwein. Aber wenn allein in Deutschland jährlich tausende Menschen sterben, weil ihnen ein Spender-Organ fehlt, sollte man sich mal von eingefahrenen Denkmustern lösen. Etwas mehr Offenheit hätten die Chimären durchaus verdient.

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