5. Aug 2016

CRISPR-Therapie: Die Chinesen sind schneller

China überholt die USA: Im Krankenhaus von Chengdu startet in den nächsten Tagen der erste Test der Genschere CRISPR am Menschen. Die Studie ist zwar nur bedingt innovativ, offenbart aber die großen Ambitionen im Reich der Mitte.

Crispr china

In welchem Land wurde erstmals ein Affe mit CRISPR traktiert? China. Wo wurde erstmals ein menschlicher Embryo mit CRISPR verändert? China. Und wo wird CRISPR erstmals am Menschen getestet? Die Antwort lautet wenig überraschend – China.

Die Botschaft ist klar: China will bei CRISPR ein gewichtiges Wort mitreden. Während der regionale Konkurrent Japan sich auf die Stammzellmedizin wirft, konzentriert das Reich der Mitte seine Kräfte offenkundig auf die Gentherapie. Obwohl ihm dazu erst mal wenig Neues einfällt.

Das Ziel ist die Therapie von Lungenkrebs. Im Westen werden dazu seit kurzem Checkpoint-Hemmer eingesetzt: Antikörper, die den Rezeptor PD-1 blockieren und damit das Immunsystem auf Trab bringen. Die chinesischen Forscher kopieren diesen Ansatz – nutzen dabei aber die Möglichkeiten von CRISPR.

Lungenkrebs im Endstadium

Der erste Patient wird noch in diesem August behandelt. Er leidet voraussichtlich an Lungenkrebs im Endstadium, und sein Körper ist bereits von Metastasen befallen. Bestrahlungen, Chemotherapien und andere Behandlungen können ihm nicht mehr helfen.

An dem West China Hospital in Chengdu werden Forscher um Lu You dem Patienten Immunzellen entnehmen und sie mit CRISPR behandeln. Ziel ist es, den Rezeptor PD-1 zu entfernen – ein sogenannter Checkpoint, über den Krebszellen das Immunsystem hemmen können. Die CRISPR-behandelten Zellen werden im Labor vermehrt und dann dem Patienten zurück gegeben.

Wenn alles gut geht, stürzen sich die entfesselten Immunzellen auf den Tumor, stoppen dessen Ausbreitung oder drängen ihn sogar vollständig zurück.

Weniger innovativ als die Konkurrenz

Der Patient kann davon profitieren, keine Frage. Ob der Ansatz allerdings zukunftsträchtig ist, steht auf einem anderen Blatt. Denn – wie bereits gesagt – es gibt bereits Medikamente wie Keytruda oder Opdivo, die ähnliches bewirken. CRISPR ist vielleicht etwas wirkungsvoller, macht aber auch viel Arbeit – zwischen Zellentnahme und Retransplantation gibt es keine Abkürzungen. Keytruda und Opdivo nimmt der Arzt jedoch einfach aus dem Regal, was den Arbeitsaufwand massiv reduziert, und zumindest langfristig wohl auch die Kosten.

Eine US-Studie, die vor einigen Wochen angekündigt wurde, ist da schon deutlich innovativer. Auch hierbei wird CRISPR genutzt, um den Rezeptor PD-1 auszuschalten – aber das ist nur Teil ein größeren Strategie. Und dieser Ansatz kann nicht einfach durch Medikamente ersetzt werden.

Sicherheit im Fokus

Dennoch wird auch die chinesische Studie einen wichtigen Beitrag leisten – denn ihr geht es um die Sicherheit der Patienten. CRISPR selbst gilt als möglicher Risikofaktor: Wenn die Genschere unkontrolliert im Erbgut schneidet, könnte dies dramatische Konsequenzen haben. Statt den ursprünglichen Krebs zu bekämpfen, würde sie einen neuen erzeugen.

Dementsprechend vorsichtig gestaltet sich der Zeitplan der Studie. Nachdem der erste Patient behandelt ist, werden zwei Monate Pause eingelegt, bevor der nächste an der Reihe ist. Erst nach dem dritten Patienten soll es etwas schneller gehen, bis schließlich die Höchstzahl von zehn Teilnehmern erreicht ist. Im Jahr 2018 wird die Studie dann beendet sein.

Die chinesischen Forscher wollten zwar unbedingt die ersten sein, überhastet erscheint ihre Studie aber nicht. Das ist eine gute Nachricht für die CRISPR-Gentherapie – ein Fehler mit tragischen Folgen könnte das Feld weit zurückwerfen.

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