18. Mai 2016

Gene und Schule – ein kompliziertes Thema

Forscher haben 74 Genvarianten identifiziert, die mit der schulischen Leistung zusammenhängen – jede für sich hat aber nur einen winzigen Einfluss. Ein nüchterner Befund, der aber starke Reaktionen auslöste.

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Bild: berwis / pixelio.de

Erbgut und geistige Leistungsfähigkeit – dieses Thema sorgt immer für Diskussionen. Manche träumen schon von genetischen Tests und personalisiertem Lernen. Andere warnen vor genetischen Determinismus, der den Einfluss von Kultur und Umwelt ignoriert. Ein Streit, bei dem die Emotionen schnell hochkochen.

Dabei hatte eine aktuelle Studie genau das Gegenteil im Sinn: Nüchterne Fakten sollten die Diskussion auf eine sachliche Basis stellen. Über 250 Wissenschaftler aus 15 Nationen analysierten die Schullaufbahn von fast 300 000 Erwachsenen – eine bislang unerreichte Datenmenge, die belastbare Statistiken ermöglichte. Die Dauer der Schulausbildung galt dabei als Maß für den schulischen Erfolg, und in über neun Millionen genomischen SNP-Varianten wurde nach erblichen Einflussfaktoren gefahndet.

Viele Gene, wenig Einfluss

74 Genvarianten fielen dabei auf. Aktiv sind diese vor allem in Nervenzellen und in der frühen Entwicklung, oftmals sogar schon im Mutterbauch. Irgendetwas bei der Entwicklung des Gehirns hat also Einfluss auf den Lernerfolg. Per se nicht wirklich eine revolutionäre Erkenntnis.

Die Studie liefert aber auch genaue Zahlen. Die 74 Genvarianten erklären nur 3,2 % des erblichen Beitrag zum Lernerfolg, der auf etwa 20 % geschätzt wird (wer sich fragt, wo die restlichen 97 % bleiben, sollte bei Kevin Mitchell nachlesen). Insgesamt verantworten sie also etwa 0,5 % der schulischen Leistungsfähigkeit.

Ein Novum: Studie mit FAQs…

Gene tragen also zur schulischen Leistung bei. Jedes Einzelne hat aber nur einen winzigen Einfluss. Eigentlich eher unspektakuläre Erkenntnisse und kein Grund zu streiten, oder?

Es kam anders. Da hat es auch nicht geholfen, dass die Autoren extra eine lange FAQ-Liste zusammengestellt haben, mit wichtigen Klarstellungen: Die Studie erlaubt keine Vorhersagen über den schulischen Erfolg. Ein „Intelligenz-Gen“ gibt es nicht. Und es besteht kein Widerspruch zwischen Umwelt und Vererbung – beides prägt einen Menschen in engem Zusammenspiel.

…doch liest sie jemand?

Diese Botschaften sind offenkundig nicht bei jedem angekommen. Die erste Breitseite erfolgte noch in der gleichen Ausgabe von Nature: Zwei Anthropologen werden sinngemäß mit der Aussage zitiert, dass derartige Forschung sinnlos sei und die Mittel dafür gestrichen werden sollten. Wenn Forscher verlangen, dass Kollegen der Geldhahn zugedreht wird, ist das ein starkes Stück. Offenkundig fühlen sich da Platzhirsche angegriffen, weil andere einen frischen Blick auf das eigene Feld werfen. Das ist keine wissenschaftliche Diskussion, sondern ein ideologischer Grabenkampf.

Aber auch manche Befürworter hätten gut daran getan, die FAQ-Liste intensiv zu studieren. Einer sieht einen Wendepunkt erreicht, an dem genetische Tests individuelle Stärken und Schwächen identifizieren und den Lernerfolg verbessern könnten. Ein Anderer glaubt sogar, dass diese Erkenntnisse werdenden Eltern bei der Selektion von Embryonen helfen könnten. Sicherlich kein Konzept, dass anthropologische Gemüter beruhigen wird.

Wann wird es sachlich?

Zumindest kurzfristig scheint das Ziel einer sachlichen Debatte verfehlt. Doch langfristig werden die nüchternen Zahlen schon Wirkung zeigen und sich die Diskussion von unrealistischem Hype und ideologischen Grabenkämpfen frei machen. Dann werden Forscher endlich darüber reden, was diese Befunden eigentlich sagen und was sie daraus lernen können.

Quelle:
Okbay et al., Nature 2016: Genome-wide association study identifies 74 loci associated with educational attainment

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