30. Apr 2016

Genmanipulation am Embryo – der verbesserte Mensch als legitimes Ziel

Zum zweiten Mal testen Forscher die CRISPR-Genschere an menschlichen Embryonen aus, erneut mit enttäuschenden Ergebnissen. Doch die Wahl des Ziels – die vermeidbare Infektionskrankheit AIDS – wirft grundsätzliche Fragen auf.

cell injection

Menschen, die im Alter keinen Herzinfarkt fürchten müssen. Knochen, die so stabil sind, dass sie kaum noch brechen. Das klingt nach utopischen Zukunftsvisionen, kann aber – zumindest in der Theorie – durch winzige Eingriffe ins Erbgut schnell zur Realität werden.

Zu dieser Utopie gehören auch Menschen, die resistent gegen AIDS sind. Wenn Forscher die Oberfläche von Immunzellen leicht verändern, steht das HI-Virus vor verschlossenen Türen. Was diese Option von den ersten beiden unterscheidet: Sie wurde bereits an menschlichen Embryonen erprobt.

Der bessere Mensch

Vor ziemlich genau einem Jahr hatte der erste (veröffentlichte!) Versuch, menschliche Embryonen gentechnisch zu manipulieren, noch für Aufsehen und Empörung gesorgt. Nun folgte der zweite – und die öffentliche Reaktion ist bereits wesentlich gedämpfter. Dabei offenbart sich in diesem Versuch ein Ansatz, der deutlich heikler ist: Dem Menschen bessere Eigenschaften zu verpassen.

Eine Arbeitsgruppe um Yong Fan an der chinesischen Guangzhou Medical University hat dieses Experiment im April veröffentlicht, in einem eher weniger bekannten Spezialjournal der Reproduktionsmedizin. Die chinesischen Forscher beschrieben darin, wie sie menschliche Embryonen mit der CRISPR-Technologie traktierten, um eine kürzere Variante des Gens CCR5 zu erzeugen.

Schutz vor AIDS

Diese natürlich vorkommende Variante, CCR5Δ32 genannt, ist wohlbekannt: Wer das Glück hat, zwei Kopien von CCR5Δ32 in seinem Erbgut zu tragen, ist wirksam und dauerhaft vor einer HIV-Infektion geschützt. Das hat auch die Aufmerksamkeit von Ärzten erregt, die bereits seit einigen Jahren versuchen, Gentherapien für erwachsene AIDS-Patienten zu entwickeln.

Aber warum nicht gleich beim Embryo anfangen – so anscheinend die Logik der chinesischen Forscher? Natürlich waren die Embryonen nicht lebensfähig, ein Kind wäre nie aus ihnen entstanden, und die Versuche wurden auch nach drei Tagen abgebrochen. Aber das Ziel war eindeutig medizinisch. Die Forscher wollten – um ihre eigene Formulierung wiederzugeben – Grundlagen für die Einführung präziser genetischer Modifikationen in frühe menschliche Embryonen etablieren.

Mutationen und Mosaiken

Der Versuch war allerdings nur mäßig erfolgreich. Bei knapp 200 Anläufen entstanden nur sechs Embryonen mit der CCRΔ32-Variante, und keiner davon war homozygot, also an beiden Genorten verändert. Für eine vollständige Resistenz gegen HIV wäre wäre das zu wenig. In knapp der Hälfte der Versuche traten hingegen Kollateralschäden auf: Mutationen, die das CCR5-Gen auf eine ungewollte Art veränderten. Und letztlich waren auch nicht alle Zellen eines Embryos verändert, es wären also „genetische Mosaiken“ entstanden.

Eine lange Liste des Scheiterns also. Und was noch schlimmer ist – der Lerneffekt blieb gering. Die Zahl der Embryonen war zu klein, um statistisch signifikante Erkenntnisse über den Wert der insgesamt sieben unterschiedlichen Versuchsansätze zu gewinnen. Die Forscher wissen also noch nicht einmal, was sie beim nächsten Mal besser machen können. Kein Wunder, dass Kollegen aus anderen Laboren sich wenig beeindruckt von dieser Studie zeigten.

Unterschwellige Botschaft

Also eine Studie ohne Folgen? Das dann wohl doch nicht. Denn die Versuche vermitteln eine unterschwellige Botschaft, die kaum auf offenen Widerspruch gestoßen ist. Es ging um eine Infektionskrankheit, vor der sich jeder leicht schützen kann und die auch kein Todesurteil mehr darstellt. Rein medizinisch besteht hier kaum Bedarf für eine Keimbahntherapie.

Ein neues Ziel wird hier schleichend legitimiert: die genetische Optimierung des Menschen.

In der ersten Studie von 2015 ging es noch darum, eine unheilbare Erbkrankheit zu verhindern. Ein Leiden, das die Medizin nur notdürftig behandeln kann, und so war dieser Versuch ethisch zumindest teilweise gerechtfertigt. Dass eine Keimbahntherapie wissenschaftlich keinen Sinn machte – andere Methoden sind dazu wesentlich besser geeignet – stand auf einem anderen Blatt und hat damals nur wenige interessiert.

Wie normiert man den Menschen?

Wissenschaftlich ist es also nur konsequent, statt der Heilung von Erbkrankheiten nun die Verbesserung menschlicher Eigenschaften anzustreben. Denn nur hier ist die Keimbahntherapie das passende Werkzeug, und fast ohne Alternative. Das bedeutet nicht, dass man diesen Ansatz tatsächlich verfolgen sollte – die Öffentlichkeit hat hier sicherlich ein Wörtchen mitzureden.

Die chinesischen Forscher sprechen dieses Problem auch explizit an. Sie formulieren zwei zentrale Fragen: Wie definieren wir eine Norm für den Menschen und für das menschliche Genom? Und wäre es akzeptabel, Genvarianten einzuführen, die die menschliche Gesundheit und Lebenserwartung verbessern?

Die öffentliche Reaktion darauf war minimal – ob aus Desinteresse oder stiller Akzeptanz, sei dahingestellt. Hier zeigt sich ein Problem, das auch schon bei der ausbleibenden Diskussion um den Gene Drive offen zutage trat. Die Öffentlichkeit muss bei ethisch sensitiver Forschung einbezogen werden – aber dazu muss sich die Öffentlichkeit auch einbeziehen lassen.

Quellen:
Kang et al. , J Assist Reprod Genet 2016: Introducing precise genetic modifications into human 3PN embryos by CRISPR/Cas-mediated genome editing

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