29. Apr 2015

Genmanipulation von Embryonen – bei Erbkrankheiten nur zweite Wahl

Chinesische Forscher haben das Erbgut menschlicher Embryonen manipuliert. Das Experiment wird in den Medien empört kommentiert, doch der wichtigste Einwand bleibt unerwähnt: Es gibt eine sichere und erprobte Alternative.

Die Publikation war lange erwartet, löste aber dennoch große Empörung aus: In China haben Forscher das menschliche Erbgut verändert – sie wollten damit die Erbkrankheit ß-Thalassämie korrigieren. Es war ein erster Probelauf mit Embryonen, die nicht lebensfähig waren; das langfristige Ziel war eine Keimbahn-Therapie. Das Resultat war jedoch mehr als enttäuschend. In keinem der Embryonen verlief die Korrektur wie erwünscht, stattdessen trugen diese zahlreiche Schäden im Erbgut davon. Ein Misserfolg auf ganzer Linie also.

Die deutsche Presse reagierte dennoch aufgeregt. Die FAZ warnte vor einem „bioethischen Armageddon“, für die Süddeutsche stand sogar „die Zukunft und die Identität der Spezies Mensch auf dem Spiel“. Der Grund für die Aufregung blieb jedoch oft unklar. War es der Schrecken über einen Eingriff in die Keimbahn? Das ist seit kurzem in Großbritannien legal und gesellschaftlich akzeptiert. Oder etwa die Angst vor Designer-Babys? Darum ging es in diesem Versuch beim besten Willen nicht. Alle gingen davon aus, dass hier eine ethische Grenze überschritten wurde, aber niemand wollte genau definieren, wo und wie.

De facto überflüssig

Eine nüchterne Analyse wäre hilfreicher gewesen. Dann hätten die Kommentatoren auch deutlicher herausarbeiten können, was an diesen Versuchen tatsächlich kritikwürdig ist (wie man es besser macht, zeigte die New York Times). Ein Punkt, den der Stammzellforscher Paul Knoepfler in seinem großartigen Blog klar herausstellt, verdient besondere Beachtung: Genetische Manipulationen sind für die Vermeidung von Erbkrankheiten de facto überflüssig.

Eine besser geeignete Methode ist seit Jahren in Verwendung und weithin akzeptiert – die Präimplantationsdiagnostik. Bereits heute werden Embryonen im Reagenzglas auf hunderte von Erbkrankheiten getestet, und theoretisch kann auch jedes andere Erbleiden so nachgewiesen werden. Die Suche lohnt sich: Bei fast jeder künstlichen Befruchtung ist etwa ein Viertel der Embryonen frei von Erbkrankheiten.

Dazu eine kurze Rückbesinnung auf die Grundlagen der Vererbung. Schwere Erbkrankheiten verhindern in der Regel, dass der Betroffene sich noch fortpflanzen kann. Die Überträger dieser Erbkrankheiten sind daher selber meist gesund: Ihr Erbgut weist eine intakte Kopie des betreffenden Gens auf, das den Ausfall der fehlerhaften Variante oft problemlos kompensiert. Dieses intakte Gen wird rein statistisch an die Hälfte der Nachkommen weitergegeben. Selbst wenn beide Elternteile betroffen sind, sollte der Anteil der gesunden Embryonen immer noch etwa ein Viertel betragen.

Ärzte in den Befruchtungskliniken suchen schon jetzt die gesunden Embryonen heraus und pflanzen nur diese der werdenden Mutter ein. Dies verhindert die Übertragung der Erbkrankheit – schneller, günstiger, sicherer und ethisch unbedenklicher als jede Genmanipulation.

Schreckgespenst Designer-Babys

Doch Erbkrankheiten stehen gar nicht im Fokus der medialen Aufregung – dort befindet sich vielmehr die Schreckensvision der Designer-Babys. Der „Schritt dahin wäre nicht mehr groß“, glaubt etwa der Tagesspiegel. Doch so einfach ist es sicher nicht: Fast alle Merkmale werden von vielen Genen bestimmt, allein schon an der Haarfarbe sind etwa zehn Gene beteiligt (wie die Zeitung auch später einräumt). Wenn schon die Änderung eines Gens sich als schwierig erweist, wird die gleichzeitige Manipulation von zehn Genen in der Praxis kaum umsetzbar.

Und weiterhin scheint jeder davon auszugehen, dass die Therapie von Erbkrankheiten auf direktem Wege zum Designer-Baby führt. Ich bezweifle stark, dass es einen derartigen Automatismus gibt: Menschen unterscheiden durchaus zwischen medizinisch Notwendigem und biologischem Wunschdenken. Hier werden zwei grundverschiedene Diskussionen vermischt, und das Ergebnis kann kaum hilfreich sein.

Ethische Diskussionen sind wichtig und wertvoll. Bei der genetischen Manipulation von Embryonen sind sie auch dringend geboten. Aber dennoch sollte die Aufregung nicht zur Folge haben, dass die wichtigen Argumente unter den Tisch fallen. Der gezielte Eingriff in die Keimbahn ist weitgehend überflüssig, kann aber den Embryo stark schädigen – einen stärkeren Einwand kann man kaum vorbringen.

Mehr dazu auf wissensschau.de:
Präimplantationsdiagnostik: Gentest für Embryonen

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