25. Jun 2016

Genschere CRISPR: Noch dieses Jahr in die Klinik?

Die Genschere CRISPR-Cas9 könnte bald beim Menschen zur Anwendung kommen – als Teil einer experimentellen Krebstherapie. Das Erbgut von Immunzellen soll an drei Stellen verändert werden. Mit etwas Glück könnte die Studie bereits Ende 2016 starten.

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Die Genschere CRISPR schneidet DNA zielgenau an Positionen, die durch ein RNA-Molekül definiert werden.

Das ging schnell. Vor dem Jahr 2012 quasi unbekannt, dann sofort als Revolution angepriesen, und nun der endgültige Ritterschlag – CRISPR steht kurz vor einer Anwendung im Menschen. Dass die Genschere in dieser Studie eher eine Nebenrolle spielt, schmälert deren Bedeutung kaum.

Es ist eine recht komplizierte Therapie, die sich Carl June von der Universität Pennsylvania da ausgedacht hat. Immunzellen bekommen einen neuen Rezeptor, dafür werden ihnen zwei andere genommen. Gut gerüstet sollen sie dann in den Kampf gegen Krebs ziehen.

Drei Änderungen, aber nur zweimal CRISPR

Ausgerechnet mit der wichtigsten Änderung hat CRISPR jedoch wenig zu tun. Ein Teil der Immunzellen (T-Zellen genannt) erhält einen neuen Rezeptor, der das Krebs-Antigen NY-ESO-1 erkennt – und damit den Angriff auf die Krebszellen einleitet. Das Gen für den fremden Rezeptor gelangt mit einem veränderten HI-Virus – einem lentiviralen Vektor – in die Zellen. Neu ist dieser Ansatz nur bedingt, er wurde bereits kürzlich an 20 Patienten getestet. Anfangs verlief diese Gentherapie sehr vielversprechend, doch die veränderten T-Zellen waren eher kurzlebig, bei vielen Patienten waren sie rasch wieder verschwunden.

An dieser Stelle kommt CRISPR ins Spiel. Carl June – der auch die CAR-T-Zellen entwickelt hat – möchte das Erbgut so verändern, dass die T-Zellen länger aktiv bleiben. Zum einen soll die Genschere den natürlichen T-Zell-Rezeptor ausschalten, wodurch sich hoffentlich die Aktivität des künstlichen NY-ESO-1-Rezeptors erhöht. Und zusätzlich soll CRISPR den Rezeptor PD-1 ausschalten – ein sogenannter Checkpoint Inhibitor, den manche Krebsarten dazu nutzen, um das Immunsystem lahm zu legen. Ein kompliziertes Unterfangen, und die Zellen werden daher gut einen Monat im Labor verbringen müssen, bevor sie wieder zurück in ihren Patienten dürfen.

Ist CRISPR sicher?

Der erste Test erfolgt mit 18 Patienten, die an verschiedenen Krebsarten leiden: Melanome, Sarkome und Myelome. Drei große US-amerikanische Krebszentren sind daran beteiligt, neben Pennsylvania noch Kliniken in Kalifornien und Texas. Die Heilung steht dabei noch nicht im Vordergrund, die Forscher wollen erst einmal zeigen, dass ihre Gentherapie sicher ist. Wenn CRISPR aus Versehen ein paar Krebsgene aktiviert hat, könnten die transplantierten Zellen selber zum Problem werden. In Langzeitbeobachtungen soll sichergestellt werden, dass dies keine Gefahr darstellt.

Ein interessantes Detail am Rande: Geldgeber dieser Studie ist Sean Parker, der ersten Präsident von Facebook und Mitgründer von Napster. Wie es in Amerika schöne Tradition ist, will er einen Teil seines Gelds der Gesellschaft zurückgeben. Und so hat Parker im April dieses Jahres das Parker Institute for Cancer Immunotherapy gegründet – und gleich mit 250 Millionen US-Dollar ausgestattet. Sechs große Krebszentren in den USA sollen in den Genuss davon kommen, und die Studie von June nur der Anfang sein.

Gentherapien auf dem Vormarsch

Ende Juni hat Junes Studie die erste große Hürde genommen: Das Recombinant DNA Advisory Committee (RAC) an den amerikanischen Gesundheitsinstituten hat sein OK gegeben. Damit ist die Bürokratie noch nicht am Ende, es fehlen die Zustimmung der Gesundheitsbehörde FDA und der lokalen Ethikkommissionen. Aber so begeistert, wie die Mitglieder der RAC-Kommision sich anscheinend gezeigt haben, stehen die Chancen wohl gar nicht schlecht. June zumindest hofft, noch in diesem Jahr starten zu können.

CRISPR steht zwar nicht im Zentrum dieser Studie, bekommt aber die ganze Aufmerksamkeit. Und das vermutlich zu Recht, den die Ergebnisse könnten deren Siegeszug noch beschleunigen. Sollten die ersten Daten zeigen, dass die Genschere sicher ist, werden es auch folgende CRISPR-Studien leichter haben.

Fast gleichzeitig hat übrigens die Firma Sangamo ebenfalls einen Erfolg verkündet. Sie kann demnächst eine Studie beginnen, bei der eine andere Genschere – eine Zinkfingernuklease – für die Therapie einer Erbkrankheit eingesetzt wird. Man kann quasi zusehen, wie das Arsenal der Gentherapie wird immer größer wird.

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