13. Jan 2015

Gentest-Anbieter 23andMe lernt von Google

Kundendaten aus Gentests werden an die Pharmabranche verkauft – die Firma 23andMe hat anscheinend ihr Überleben gesichert.

Von Google lernen heißt siegen lernen. Ein Internet-Anbieter für Gentests – auf vielfältige Weise mit dem Suchgiganten verbunden – fuhr mit dem Kerngeschäft offenkundig nur Verluste ein. Doch 23andMe sammelte dabei fleißig Kundendaten, die nun das eigentliche Kapital darstellen. Das muss nicht grundsätzlich schlecht sein – mit viel Glück könnte dies zu neuen Therapien führen.

2006 gründete Anne Wojcicki – Ehefrau von Sergey Brin, einem Mitgründer von Google – die Firma 23andMe. Die Idee: Gentests über das Internet vertreiben und private Kunden so mit Informationen über ihre vererbten Risiken versorgen.

Das Geschäft erwies sich als sehr schwierig, viele ehemalige Mitkonkurrenten sind mittlerweile vom Markt verschwunden. Nur 23andMe hielt sich, auch dank der Unterstützung von Google Ventures. Die Firma senkte sogar die Preise – auf unschlagbare 99 US-Dollar pro Gentest. Warum, das wird nun offenbar: Sie bekam dafür Daten, für die die Pharmabranche viel Geld zahlen will.

In Mittelpunkt der Begehrlichkeit steht eine Datenbank mit der Erbinformation von 800 000 Kunden. Drei Viertel davon haben zugestimmt, dass ihre Daten für die Forschung verwendet werden können. Mehr noch: Sie waren bereit, eine Vielzahl von persönlichen Daten freizugeben.

Dazu gehören auch etwa 12 000 Parkinson-Patienten. Die Parkinson-Krankheit war von Anfang an eine Priorität, da die Familie von Noch-Ehemann Brin schwer betroffen ist. Für die Biotechfirma Genentech – Teil des Pharma-Giganten Roche – ist dies ein wahre Schatztruhe: Für den Zugang zahlt man 10 Millionen US-Dollar, 50 Millionen könnten später noch dazu kommen.

Genentech zeigt sich so spendabel, weil die Daten von 23andMe eine große Lücke füllen: Zwar wurden bislang viele tausend Genome sequenziert, doch nur in seltenen Fällen sind auch die dazu gehörigen Gesundheitsdaten verfügbar. Dank der Auskunftsfreude ihrer Kunden kann 23andMe beides bieten. (Die isländische Firma deCODE erwarb einen ähnlichen Schatz, als sie quasi das Genom der Isländer kaufte).

Wojcicki ist damit der große Wurf gelungen: Sie hat ein Geschäftsmodell für ihre Firma gefunden. 14 andere Firmen sollen bereits Verträge mit 23andMe abgeschlossen haben, mit Pfizer ist auch ein weiterer Pharma-Gigant darunter. Neue Geldquellen waren auch dringend nötig, spätestes seitdem das ursprüngliche Geschäft – der Verkauf von Gentests über das Internet – unter heftigen Beschuss der amerikanischen Gesundheitsbehörde gekommen war.

Die Parallelen zu Google sind unübersehbar: Der Kunde erhält günstig eine Dienstleistung, die ihm nützlich erscheint. Und die Firma erhält dafür die Kundendaten, die sie zu Geld machen kann.

Daran ist grundsätzlich nicht auszusetzen: Wenn die Pharmafirmen tatsächlich Ansatzpunkte für neue Therapien finden, werden die geheilten Patienten Rechtfertigung genug sein. Doch wie reagieren die betroffenen Kunden? Als sie zustimmten, dass ihre persönlichen Daten für die Forschung eingesetzt werden dürfen, haben sie dabei bestimmt nicht an den millionenschweren Verkauf an die Industrie gedacht. In Deutschland zumindest wäre die Empörung groß…


Quellen:

M. Herper, Januar 2015, Jahr: Surprise! With $60 Million Genentech Deal, 23andMe Has A Business Plan

Mehr dazu auf wissensschau.de:
Schwierige Zeiten für Gentest-Anbieter im Internet

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