11. Apr 2016

Gentests enthüllen Risiken – das Verhalten ändern sie nicht

Bislang finden Studien keinen Hinweis, dass Gentests das Verhalten der Betroffenen beeinflussen. Neuere Ansätze wollen die Rolle der Ärzte stärken.

gentest folgen

Wer die Gefahr kennt, kann rechtzeitig handeln. Ein Gentest, der mir ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko offenbart, spornt mich zu mehr Sport und gesünderer Ernährung an. So zumindest die Versprechen mancher Gentest-Anbieter. Doch stimmt das?

Eine neue Analyse sagt Nein. Es gibt bislang keine gesicherten Hinweise, dass eine Beratung über genetische Risiken die Betroffenen dazu bewegt, einen gesünderen Lebensstil anzustreben. Selbst, wenn es um so lebensbedrohliche Krankheiten wie Lungenkrebs und Herzinfarkt geht.

Rauchen , Ernährung, Sport

Englische Forscher um Theresa Marteau haben sich die Mühe gemacht, insgesamt 18 Studien mit über 6000 Teilnehmern auszuwerten. Gemäß den strengen Regeln der Cochrane-Gesellschaft wurden nur randomisierte oder pseudo-randomisierte Studien beachtet, um ein Mindestmaß von wissenschaftlicher Qualität zu garantieren. Und es ging nur um Risiken, bei denen die Betroffenen aktiv gegensteuern können – Lungenkrebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zum Beispiel.

Der Aufbau der Studien war meist recht ähnlich. Gentests zeigten den Teilnehmern, für welche Krankheiten sie erblich vorbelastet waren, und medizinisches Personal klärte über die möglichen Risiken auf. Dann wurde die Reaktion der Teilnehmer protokolliert: Hörten sie mit dem Rauchen auf, trieben sie mehr Sport? Die Resonanz war nahezu Null. Nur bei der Umstellung der Ernährung war eventuelle ein kleiner Effekt zu beobachten. Insgesamt also ein höchst ernüchterndes Ergebnis.

Jenseits von Gut und Böse

Immerhin – das Wissen um genetische Belastungen hatte auch keine nachteiligen Effekte. Die Leute haben danach also nicht mehr geraucht und sich noch ungesünder ernährt. Das galt zuvor als reelle Gefahr, frei nach dem Motto: Meine Gene bestimmen mein Schicksal, und was ich jetzt mache, ist eh egal.

Wie man es auch dreht und wendet: Gentests scheinen das Verhalten nicht zu ändern.

Naiv und verfrüht?

Allerdings weisen die Autoren der Meta-Analyse auch auf Probleme hin. Die Daten waren meist von geringer Qualität. Die Kontrollen passten manchmal nur bedingt. Und die Studien waren oftmals zu klein, um auch geringe Effekte zu beobachten. Die Ergebnisse – inklusive der Meta-Analyse – sind also nur von bedingter Aussagekraft. Letztlich bleibt damit die Frage nach dem Nutzen der Gentests weiterhin offen, zumindest ein Stück weit.

Ein weiterer Einwand zeigte sich in der Diskussion zu dieser Arbeit. Das Feld der Gentests ist im raschen Wandel – die analysierten Studien sind aber zum Teil schon viele Jahre alt. Sie beruhen daher auf Konzepten, die sich bereits als „naiv und unreif“ erwiesen haben, und heute gar nicht mehr aktuell sind. Die Meta-Analyse widerlegt Vorstellungen, die viele sowieso schon über Bord geworfen haben.

Heute gehen Forscher davon aus, dass Gentests vor allem in Kooperation mit den Ärzten sinnvoll sind. Patient, Arzt und genetischen Berater setzen sich dabei zusammen und entscheiden über das weitere Vorgehen. Eine jüngst veröffentlichte Studie geht in diese Richtung: Gentests haben hier die Entscheidung beeinflusst, ob Patienten mit Herzkrankheiten zur Vorsorge Statine einnehmen sollten. Die Studie verzeichnete dabei positive Auswirkungen, der Cholesterinspiegel schien nach genetischer Beratung leicht gesenkt. Allerdings – beeindruckend waren diese Effekte nicht.

Trotz aller Einschränkungen: Die Meta-Analyse deutet an, dass Gentests an sich keine Wunderwaffe sind. Das heißt aber nicht, dass sie nutzlos sind – vielleicht waren nur die bisherigen Hoffnungen und Ansätze naiv. Die eigentliche Arbeit beginnt also erst: Bessere Studien und neue Konzepte müssen Wege aufzeigen, wie das unbestrittene Potential der Gentests genutzt werden kann.

Mehr dazu auf wissensschau.de:
Gentests: Was nützt das Wissen?

Quellen:
Hollands et al., BMJ 2016: The impact of communicating genetic risks of disease on risk- reducing health behaviour: systematic review with meta-analysis

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