13. Mrz 2017

Gentherapie für Sichelzellanämie – ein großer Schritt voran

In Paris freut sich ein Junge auf ein normales Leben – eine Gentherapie hat ihn von fast allen Symptomen seiner schweren Sichelzellanämie erlöst. Bei anderen Patienten lief es nicht so reibungslos, aber die Entwicklung geht dennoch in die richtige Richtung: Die Gentherapie rückt näher an den Alltag der Medizin.

Die Krankenakte des 13-jährigen Jungen war dick wie ein Buch: Jährlich ein bis zwei Aufenthalte im Krankenhaus, Milz und Gallenblase entfernt, Nekrosen in beiden Hüftknochen, und die stetig wachsende Gefahr eines tödlichen Hirninfarkts. Eine Sichelzellanämie zerstörte langsam seine inneren Organe.

Das ist nun Vergangenheit. Ärzte testeten ein Gentherapie, die bei dem Jungen wahre Wunder wirkte: Quasi alle akuten Symptome sind verschwunden, sein Leben ist frei von Schmerzen und lebensbedrohlichen Krisen. Es gibt einen Begriff, die Mediziner nur ungern gebrauchen, aber hier scheint er angebracht – Heilung.

Jahrzehntelange Vorarbeit

Die Grundlage legten Wissenschaftler um den Franzosen Philippe Leboulch. Für die Therapie der Sichelzellanämie erzeugten sie eine Genvariante, die zwei Aufgaben zugleich erfüllt: Zum einen bietet sie eine korrekte Version des ß-Globin-Gens, dessen Mutation Auslöser der Erkrankung ist. Und zum anderen enthält die therapeutische Gen-Variante selbst eine Mutation, die der schädigenden Wirkung der Sichelzellanämie aktiv entgegen wirkt.

Damit dieses sogenannte antisickling ß-Globin aktiv werden kann, müssen Ärzte es in Knochenmarkzellen des Patienten einschleusen. Die Firma bluebird bio, bereits im Jahr 1992 von Leboulch gegründet, entwickelte und verfeinerte dazu einen lentiviralen Vektor – eine veränderte und harmlose Variante des HI-Virus.

Nicht mehr ins Krankenhaus, keine Blut-Transfusionen

Im Jahr 2014 waren alle Vorarbeiten abgeschlossen – der erste Test am Menschen konnte beginnen. Im Oktober entnahmen Ärzte um Jean Ribeil und Marina Cavazzana an der Necker Kinderklinik in Paris dem damals 13-jährigen Patienten einen Teil seines Knochenmark und behandelten es mit dem lentiviralen Vektor. Sie zerstörten das verbliebene Knochenmark und ersetzten es mit den behandelten Zellen, die im Laufe der nächsten Wochen das Blutsystem erneuerten. 50 Tage später konnte der Junge das Krankenhaus verlassen.

Der Erfolg war beeindruckend. Zuvor war der Junge Dauergast im Krankenhaus, doch in den folgenden fünfzehn Monaten (der Zeitraum des Berichts) blieb ihm dies erspart, eine jüngere Pressemitteilung berichtet sogar von 21 Monaten. Blut-Transfusionen wurden überflüssig, und trotzdem blieben gefährliche vaso-okklusive Krisen aus. Abgesetzt wurden auch die Medikamente gegen chronische Schmerzen, unter denen Patienten mit Sichelzellanämie früher oder später leiden.

Der Junge hat ein neues Leben bekommen.

Akzeptable Kosten?

Und das vielleicht auch zu einem Preis, der etwa – zumindest langfristig – den bisherigen Behandlungskosten entspricht. Denn eine Sichelzellanämie ist teuer: Rund 10 – 15 000 US-Dollar im Jahr, wie eine US-amerikanische Studie für das Jahr 2005 ermittelte. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 40 bis 60 Jahren summieren sich die Kosten pro Patient auf 400 000 bis 900 000 US-Dollar.

Natürlich ist noch nicht klar, wie viel die Gentherapie für Sichelzellanämie einmal kosten wird. Doch die Größenordnung ist absehbar, sie wird sich wohl an den bislang zugelassenen Therapien orientieren: Strimvelis wird mit 475 000 Euro veranschlagt, Glybera kostete beim ersten Patienten ungefähr 900 000 Euro. Summen, die denen der konventionellen Behandlung entsprechen – Kosten und Ersparnisse der Gentherapie könnten sich etwa die Waage halten.

Probleme und offene Fragen

Der Weg in die Klinik ist jedoch vorerst versperrt – bislang blieb der Erfolg in Paris ein Einzelfall. Zwar wurden noch sieben weitere Patienten behandelt, aber die Ergebnisse enttäuschten auf ganzer Linie. Die Produktion des antisickling ß-Globins blieb unter dem Limit, an den Krankheitssymptomen hat sich kaum etwas geändert. bluebird hat nun an der Effizienz des lentiviralen Vektors gearbeitet, und ein erster Test ist kürzlich erfolgt. Die Ergebnisse stehen allerdings noch aus.

Weitere Fragen bleiben offen: Wie lange hält die Gentherapie an? Theoretisch sollte dies lebenslang sein, aber keiner weiß, wie das in der Praxis aussieht. Entwickelt sich Blutkrebs? Lentivirale Vektoren lagern sich in das Genom ein und könnten Krebsmutationen erzeugen – auch wenn vorerst nichts darauf hindeutet. Langzeitstudien werden diese Fragen klären müssen, was naturgemäß noch viele Jahre dauern wir.

Gentherapie: Raus aus der Nische

Trotz der Probleme und offenen Fragen – nichts deutet darauf hin, dass sie nicht langfristig gelöst werden können. Für die Gentherapie ist das ein großer Schritt, die Zahl der Patienten ist bei der Sichelzellanämie vergleichsweise hoch: 90 000 Menschen sind allein in den USA betroffen, eines von 5000 Kindern wird mit der Krankheit geboren. Weltweit sind es jährlich 275 000 Kinder, die meisten davon in Afrika. Dazu kommt, dass mit dem gleichen Ansatz auch die Erbkrankheit ß-Thalassämie behandelt werden kann.

Zwar zählen auch Sichelzellanämie und ß-Thalassämie immer noch zu den seltenen Krankheiten, doch so exotische Randerscheinungen wie die Lipoprotein-Lipase-Defizienz (Ziel von Glybera) und die adenosin desaminase-severe combined immunodeficiency (Strimvelis) sind sie nicht. Zudem sind bekannter: Jeder Mensch, der sich an seine Schulzeit erinnert, hat zumindest schon einmal von ihnen gehört.

Das Feld rückt damit näher an den medizinischen Alltag und stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Nach den schweren Rückschlägen der Vergangenheit sieht die Zukunft nun positiv aus: Die Gentherapie verlässt langsam ihre Nische und langsam Teil der etablierten Medizin.

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