11. Nov 2013

Kinderlähmung – Europa ist wieder gefährdet

In Europa schien die Kinderlähmung schon besiegt, doch die Rückkehr des Poliovirus nach Syrien und Israel könnte diesen Erfolg zunichte machen. Eigenheiten des aktuellen Impfstoffs und die um sich greifende Impfmüdigkeit sind wesentliche Teile des Problems.

Seit über 20 Jahren hat es in Deutschland keinen Fall von Kinderlähmung mehr gegeben, und auch in fast allen anderen Ländern gilt der Poliovirus – der Auslöser der Kinderlähmung – als ausgerottet. 2012 wurden weltweit nur noch 223 Fälle registriert, nur drei Länder (Nigeria, Pakistan und Afghanistan) gelten als stark gefährdet. Vereinzelte Ausbrüche in anderen Gebieten wurden meist schnell wieder eingedämmt.

Der jüngste Ausbruch der Kinderlähmung in Syrien folgt einem Muster, das auch andere krisengeschüttelte Länder wie Somalia durchleben mussten. Die vormals vorbildliche Impfkampagne brach in den Wirren des syrischen Bürgerkriegs zusammen und ließ vor allem Kleinkinder ohne Impfschutz zurück. Die Folge: Ein eventuell aus Pakistan eingeschleppter Poliovirus breitete sich aus und verursachte mindestens zehn Fälle von Kinderlähmung. Eine erneute Impfkampagne ist bereits angelaufen und wird hoffentlich den Ausbruch bald eindämmen.

Überraschender – und auch beunruhigender – ist das Geschehen in Israel. Der dortige Poliovirus verhält sich ungewöhnlich: Obwohl er keine akute Erkrankung auslöst, kann er vielerorts im Abwasser nachgewiesen werden. Der Virus stammt vermutlich von Beduinen, die in äußerst ärmlichen Verhältnissen leben. Jeder von ihnen ist geimpft und daher vor der Krankheit geschützt, und dennoch kann sich der Poliovirus vermehren und in der Umwelt ausbreiten.

Dass dies möglich ist, hängt mit den Besonderheiten der Polio-Impfung zusammen – so gibt es etwa zwei unterschiedliche Impfstoffe. Alle reicheren Länder (inklusive Israel) verwenden einen inaktivierten Totimpfstoff, der den Ausbruch der Kinderlähmung verhindert, aber nicht die Vermehrung des Poliovirus im Magen-Darm-Trakt. Vor allem unter schlechten sanitären Bedingungen – wie etwa bei den israelischen Beduinen – bleibt der Virus in der Umwelt präsent.

In ärmeren Ländern kommt daher ein abgeschwächter Lebendimpfstoff zur Anwendung. Dieser wird per Schluckimpfung verabreicht und verhindert beides – Erkrankung und Verbreitung. Nur so konnte der Poliovirus an den Rand der Ausrottung gebracht werden. Der Lebendimpfstoff hat aber einen großen Nachteil: In seltenen Fällen mutiert der geschwächte Erreger und erlangt die Fähigkeit zurück, eine Erkrankung hervorzurufen.

Auch in Europa wird nur der Totimpfstoff verwendet, da die Gefahr einer Epidemie bei uns als verschwindend gering galt. Bis jetzt zumindest. Denn die Ereignisse in Syrien und Israel könnten auch für uns eine reelle Bedrohung werden. Zuerst ist es nicht unwahr­scheinlich, dass der Poliovirus demnächst nach Europa eingeschleppt wird: Zwischen Israel und Europa herrscht reger Flugverkehr, und syrische Bürgerkriegs-Flüchtlinge finden auch hierzulande Aufnahme.

Ist der Poliovirus erst einmal in Europa, könnte er sich theoretisch auch hier über geimpfte Personen verbreiten (auch wenn die wesentlich besseren sanitären Verhältnisse dies erschweren). Für die geimpften Personen ist das nicht weiter schlimm, vor der Erkrankung sind sie ja weiterhin geschützt.

Doch jeder, der nicht geimpft ist, ist der Krankheit so schutzlos ausgeliefert wie die Kinder im syrischen Bürgerkrieg. Und angesichts der steigenden Impfmüdigkeit hierzulande sind das nicht gerade wenig: Einem erheblichen Anteil der Schulkinder fehlt der vollständige Impfschutz.

Nachlässigkeit oder Ignoranz der Eltern haben eine Situation heraufbeschworen, die ausreichend Nährboden für einen neuen Ausbruch bietet. Eine Krankheit, die schon besiegt schien, könnte also bald wieder aufleben.


Quellen:

L. Roberts , Science November 2013: Israel’s Silent Polio Epidemic Breaks All the Rules

D. Butler , Nature Oktober 2013: Polio risk looms over Europe

Diedrich und Burger , Deutsches Ärzteblatt Oktober 2013: Nachweis von Poliowildviren in Israel: Anlass für Wachsamkeit

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