22. Jan 2016

Bluttest für Krebs: US-Firma sucht den heiligen Gral

Ein Bluttest soll frühzeitig alle Krebsarten aufspüren. Ob der Test den Betroffenen helfen wird, bleibt unklar – die Profite des Anbieters könnten jedoch gewaltig sein.

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Die Ritter der Tafelrunde um den heiligen Gral – manche vermutlich mit Prostatakrebs im Frühstadium. Quelle: Galllica

Je früher Ärzte den Krebs erkennen, desto wirksamer können sie ihn bekämpfen. Diese Logik klingt so überzeugend, dass regelmäßige Untersuchungen von Brust, Prostata, Darm und Haut heute zum medizinischen Alltag gehören.

Doch der Krebs zeigt sich von dieser Logik unbeeindruckt. Große Studien deuten schon länger an, dass die Resultate für Brust- und Prostatakrebs zwiespältig sind. Bei anderen Krebsarten scheint die Früherkennung überhaupt keinen merklichen Effekt zu haben. Nicht wenige Experten raten daher zur Vorsicht: Ohne ein besseres Verständnis der Grundlagen könnten Vorsorgeprogramme eher schaden als nutzen.

Der heilige Gral der Onkologie

Derartige Zweifel fechten Illumina nicht an. Die große US-Biotechfirma, Pionier und dominanter Hersteller auf dem Gebiet der DNA-Sequenzierung, will die Früherkennung auf die Spitze treiben: Ein Bluttest soll alle denkbaren Tumore erkennen, möglichst bevor sie mit traditionellen Verfahren sichtbar werden.

Der Bluttest zielt auf den heiligen Gral der Onkologie – impliziert zumindest Illumina und gründete am 10. Januar eine Tochterfirma mit dem passenden Namen GRAIL. Allerdings trifft sie auf fast 40 andere Firmen, die ähnliche Ambitionen hegen. Was hat GRAIL, was die Konkurrenten nicht haben?

Die Tafelrunde

Zuerst einmal Geld. Die Suche nach dem Gral hat schwerreiche Unterstützer gefunden – als edle Ritter stehen etwa Bill Gates (Microsoft) und Jeff Bezos (Amazon) bereit. Schon zum Einstand haben sie GRAIL 100 Millionen US-Dollar spendiert.

Zweitens natürlich die Technologie der Mutterfirma. Wenn Illumina eins kann, dann DNA in großen Mengen und mit hoher Präzision sequenzieren. Die Tochterfirma GRAIL wird sicherlich nach Kräften unterstützt – und vermutlich zu unschlagbar günstigen Konditionen.

Das ist der entscheidende Punkt, denn die Detektion von DNA bildet den Kern dieses Krebstests. Forscher wissen schon länger, dass Krebszellen ihr Erbgut in den Blutkreislauf freisetzen. Diese verräterischen genetischen Muster will GRAIL im Blut aufspüren und so den Krebs bereits in seiner frühesten Entwicklungsphase aufspüren.

Technisch schwierig, medizinisch zweifelhaft

Die technischen Herausforderungen sind riesig. Die Menge an Krebs-DNA im Blut ist sehr gering, und die Gefahr von falschen Ergebnissen – seien sie positiv oder negativ – damit äußerst hoch. Aber Illumina behauptet, an diesem Problem schon seit mehr als einem Jahr (!) zu arbeiten – und die Fortschritte seien hoffnungsvoll.

Zu den offenkundigen medizinischen Problemen hat Illumina weniger zu sagen. Vielleicht erkennt dieser Ansatz die Krebszellen viel zu früh – bevor das Immunsystem die Chance erhält, sie wirksam zu bekämpfen. Und kann ein Bluttest darüber Auskunft geben, in welchem Organ der Tumor wächst?

Nutzen der Früherkennung fraglich

Die zentrale Frage stellt sich für mich jedoch anders: Ist Krebsfrüherkennung überhaupt sinnvoll? Die Erfahrungen bei Brustkrebs sind ernüchternd. Werden 1000 Frauen zwischen 50 und 74 Jahren regelmäßig untersucht, rettet dies zwar sieben Frauen das Leben. Demgegenüber stehen jedoch 953 falsch positive Tests und 19 unnötige Krebstherapien – mit erheblichen Folgen für die Gesundheit der Betroffenen. Nutzen und Schaden halten sich schon beinahe die Waage.

Und Brustkrebs – bei älteren Frauen! – gehört schon eher zu den Erfolgsgeschichten der Früherkennung. In anderen Altersschichten geht der Nutzen fast gänzlich verloren. Und bei vielen anderen Krebsarten sieht es noch schlechter aus.

Um was geht es GRAIL?

GRAIL will nun die Früherkennung noch weiter nach vorne verlagern. Die Frage stellt sich also umso dringender: Kann der Bluttest zwischen harmlosen Varianten von Krebs (die Ärzte am besten ignorieren) von aggressiven (am besten sofort therapieren) unterscheiden?

Sind sich GRAIL und Illumina dieses Problems bewusst?

Ein Blick auf den Zeitplan gibt eine klare Antwort. Für 2017 ist eine klinische Studie geplant, mit hunderttausenden von Patienten – sehr eindrucksvoll also. Stutzig macht jedoch der Wunschtermin für die Markteinführung: 2019, keine zwei Jahre nach Beginn der Studie also. Der Nutzen einer Krebstherapie zeigt sich aber am ehesten in der Überlebensrate, und hier empfehlen Experten eine Beobachtung über mindestens 10 Jahre hinweg. Davon ist die geplante Studie von GRAIL weit entfernt.

Es geht bei dieser Studie dann wohl eher um technische Aspekte – die Frage nach dem Nutzen für die Betroffenen wird offenkundig nicht gestellt.

Ein Markt von 100 Milliarden Dollar

Warum hat es Illumina mit GRAIL so eilig? Die Antwort geben sie indirekt selber: Illumina schätzt den Markt für derartige Krebstests auf irgendwo zwischen 20 und 100 Milliarden Dollar. Und von diesem Kuchen möchte man anscheinend so viel wie möglich abhaben, immer nach dem Motto: Wer zuerst kommt, profitiert zuerst.

Bei der Suche nach diesem Gral geht es wohl weniger um Erlösung, sondern vielmehr um Erlöse: Fette Profite, welche die Kassen von GRAIL und Illumina füllen sollen. Das – möglicherweise krebskranke – Fußvolk kümmert diese edlen Ritter scheinbar wenig.

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