14. Jan 2017

Brustkrebs: Metastasen am Anfang und am Ende

Brustkrebs kann sich bereits früh im ganzen Körper ausbreiten. Forscher fanden nun zwei natürliche Prozesse, die die Bildung von Metastasen antreiben.

Wird Brustkrebs früh erkannt, steigen die Chancen auf Heilung – das steht außer Frage. Doch eine vollständige Sicherheit bietet die Früherkennung nicht. Einer der Gründe: Manchmal entstehen Metastasen schon, bevor der Tumor sichtbar wird.

Lange galten Metastasen als Endpunkt eines geradlinigen Prozesses. Am Anfang sei ein Tumor eher harmlos, sammele dann aber im Laufe der Zeit gefährliche Mutationen an und überträte schließlich eine gefährliche Schwelle: Er wird bösartig und breitet sich im ganzen Körper aus. Dies ist als lineares Modell der Tumor-Entstehung bekannt, und es dominiert auch heute noch die Krebsmedizin.

Keine geradlinige Entwicklung

Doch schon vor Jahren fanden Forscher Hinweise, dass etwas an diesem Modell nicht stimmt. Brustkrebs in einem frühen, nicht-invasivem Stadium sollte sich eigentlich nicht im Körper ausbreiten – und doch finden sich bei 20 % der betroffenen Frauen bereits Krebszellen im Knochenmark. Zumindest einige dieser Krebszellen sind höchst gefährlich: 8 % der nicht-invasiven Tumore bilden Metastasen, die sich in anderen Organen festsetzen.

Genetische Analysen zeigten ebenfalls einen Widerspruch auf: Manche Metastasen weisen weniger Mutationen auf als der Primärtumor, was darauf hinweist, dass sie sich schon früh von diesem getrennt haben und ihren eigenen Weg gegangen sind.

Was treibt diesen Prozess an? Zwei Forschergruppen beschrieben nun im Journal Nature erstmals zwei mögliche Mechanismen. Sie konnten zeigen, dass Brustkrebszellen natürliche Signalwege kapern, die das Verzweigen der Milchgänge bei Teenagern und während der Schwangerschaft ankurbeln. Und diesen frühen Krebszellen fällt es deutlich leichter, gefährliche Metastasen zu erzeugen, als Krebszellen in einer späteren Wachstumsphase.

Frühe Krebszellen metastasieren besser

Das Hormon Progesteron spielt dabei eine unerwartete Rolle. Forscher um Christoph Klein von der Universität Regensburg untersuchten in Mäusen, wie sich Tumore mit dem Krebsmarker Her2 verhalten. Schon in mikroskopisch kleinen Krebsherden warf Progesteron einen Signalweg an, der die Zellen in den ganzen Körper streuen ließ. Vier von fünf der Metastasen, die später in den Mäusen auftauchten, stammten von diesen frühen Krebszellen ab.

Wenn der Tumor größer wurde, schaltete dieser sogenannte WNT-Signalweg jedoch um: Die Krebszellen wurden sesshafter und verwendeten ihre Energie vornehmlich auf das Wachstum des Primärtumors.

Der WNT-Signalweg steht auch im Mittelpunkt eines Prozesses, den eine Forschergruppe um Julio Aguirre-Ghiso in New York beschreibt. Hier ist es der Rezeptor Her2, der diese Signale aktiviert und Zellen in winzigen Tumoren dazu bringt, sich im Körper zu verbreiten.

Der Vergleich von frühen und späten Krebszellen zeigte markante Unterschiede: Zellen aus einem frühen Stadium waren nur eingeschränkt fähig, nach Transplantation in eine andere Maus einen neuen Tumor in der Brustkrebsdrüse zu erzeugen. Bei der Bildung von Metastasen drehte sich dieses Verhältnis aber um: Verglichen mit Zellen aus späteren Phasen erwiesen sich die frühen Krebszellen als deutlich gefährlicher.

Primärtumor und Metastasen entwickeln sich parallel

Noch sind die Erkenntnisse der beiden Forschergruppen natürlich mit Vorsicht zu betrachten – die Resultate stammen aus Tiermodellen, nicht dem Menschen. Zwar fanden die Forscher Hinweise, dass diese Prozesse auch beim Menschen aktiv sind, aber eindeutige Beweise stehen noch aus. Unklar ist ebenfalls, ob andere Krebsarten – wie etwa Hautkrebs – ebenfalls schon früh Metastasen bilden.

Sollten sich diese Befunde bestätigen, wäre dies ein klarer Beweis für ein alternative Theorie der Metastasierung: Das parallele Modell besagt, dass sich Primärtumor und Metastasen gleichzeitig und teilweise unabhängig voneinander entwickeln. Das parallele Modell erklärt eine seltsame Beobachtung: In einer von zwanzig Betroffenen finden sich Brustkrebs-Metastasen, ohne dass ein Primärtumor in der Brust nachgewiesen werden kann.

Natürlich schließen sich beide Modelle nicht gegenseitig aus. Möglicherweise gibt es zwei Phasen, wo die Gefahr einer Metastasierung groß ist: Ganz am Anfang, wenn natürliche Signalwege umfunktioniere werden, und wieder gegen Ende der Tumor-Entwicklung, wenn die Last der Mutationen zu groß wird.

Früherkennung sinnvoll, aber kein Allheilmittel

Die Implikationen für den Erfolg von Früherkennungs-Untersuchungen liegen auf der Hand. Diese basieren vor allem auf der Hoffnung, den Brustkrebs zu identifizieren, bevor er in den Körper streut. Denn ein Primärtumor ist meist gut behandelbar, Metastasen sind jedoch oftmals tödlich. Wenn die Metastasen in einer späten Phase entstehen (und sofern der Tumor nicht allzu aggressiv ist), kann die Früherkennung Leben retten. Wenn jedoch schon mikroskopisch kleine Herde in den Körper streuen, dann wird die Früherkennung immer zu spät kommen.

Es gibt weiterhin gute Gründe, zur Früherkennung zu gehen. Doch wahr ist leider auch: Eine 100%ige Sicherheit wird sie wohl niemals bieten können.

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