27. Feb 2015

CAR-T-Zellen gegen Krebs: Was passiert in Deutschland?

CAR-T-Zellen sind eine vielversprechende Option bei der Behandlung von Blutkrebs. Auch in Deutschland arbeiten Forscher an der Entwicklung dieser Immuntherapie.

Das Immunsystem ist eine wirksame Waffe im Kampf gegen Krebs – jedoch nur, wenn die Krebszellen auch sichtbar sind. Letzteres ist ein großes Problem: Viele Krebszellen tarnen sich so geschickt, dass sie den Angriffen des Immunsystems entgehen. Forscher fanden vor einigen Jahren eine Lösung, die Methoden aus Immun- und Gentherapie kombiniert. Sie entwarfen ein künstliches Molekül, das Krebszellen erkennt und die Immunzellen aktiviert.

Dieses künstliche Molekül wird chimeric antigen receptor oder CAR genannt. Es besteht aus Bestand­teilen, die von bis zu vier natürlichen Proteinen stammen. Eine entscheidende Komponente ist das Fragment eines Antikörpers: Dieser erkennt zielgenau eine Struktur, die auf vielen Blutkrebszellen vorhanden ist. Mit Methoden, die für die Gentherapie perfektioniert wurden, wird das CAR-Molekül dann in Immunzellen des Patienten – den T-Zellen – eingebracht.

Etwa 15 klinische Studien mit CAR-T-Zellen wurden bislang veröffentlicht – die Ergebnisse waren beeindruckend. An einer Studie nahmen 30 Blutkrebs-Patienten in einem fast hoffnungslosen Stadium teil: Nach einem Monat waren die Krebszellen in 90 % der Behandelten verschwunden. Nach sechs Monaten waren noch zwei Drittel der Patienten frei von Krebs, und einer überlebt bereits seit mehr als zwei Jahren. Ein großartiger Erfolg, vor allem weil die CAR-T-Zellen noch in einem so späten Krebsstadium wirksam waren.

Entwickelt wurden die CAR-T-Zellen in den USA. Forscher um Steven Rosenberg haben im Jahr 2010 die erste Studie veröffentlicht, und auch das Labor von Carl June hat seitdem viel zur Entwicklung beigetragen. Die USA belegen auch heute noch einen Spitzenplatz in der Forschung: Von 70 angemeldeten klinischen Studien werden bzw. wurden 51 dort durchgeführt.

Doch auch in Deutschland sind Forscher aktiv geworden. Im Labor von Ulrike Protzer in München werden CAR-T-Zellen entwickelt, die Leberkrebs bekämpfen könnten – oder sogar dessen Entstehung verhindern. Das CAR-Molekül ist gegen einen Bestandteil des Hepatis-B-Virus gerichtet, der einer der wichtigsten Ursachen für Leberkrebs ist. Die CAR-T-Zellen erkennen dann Zellen, die von dem Virus infiziert wurden, und können sie zielgenau beseitigen. Die infizierten Zellen können gefährliche Krebszellen sein, aber auch Vorläufer, die sich sonst vielleicht noch zu Krebs entwickeln würden.

In Köln versuchen Hinrich Abken und seine Kollegen, das CAR-Molekül weiter zu verbessern. Mehrere Komponenten des CAR sind daran beteiligt, die Erkennungssignale weiterzuleiten und die Immunzellen zu aktivieren. Dies ein komplizierter Prozess, und die neuesten Versionen des CAR kombinieren dabei drei unterschiedliche Signalwege. Die Kölner Forscher beschäftigen sich mit Aufbau des CAR und wie die Signalwege optimal eingesetzt werden können. Sie erhoffen sich dabei Hinweise, wie die Wirksamkeit der CAR-T-Zellen im Körper erhöht werden kann.

Während die Labore von Ulrike Protzer und Hinrich Abken sich vor allem mit der Grundlagenforschung beschäftigen, startete in vier deutschen Kliniken erstmals eine Studie mit Menschen. In Essen, Frankfurt, Hannover und Münster sollen Patienten, die an akuter lymphatischer Leukämie leiden, mit den CAR-T-Zellen behandelt werden. Allerdings nur, wenn die eigentliche Behandlung, eine Transplantation von Stammzellen, nicht zu dem erhofften Ergebnis führt. Die Federführung dieser Studie liegt jedoch nicht in Deutschland, sondern bei Forschern vom University College in London.

Um CAR-T-Zellen herzustellen, bedienen sich die Forscher bei etablierten Methoden der Gentherapie. Diese nützt schon länger veränderte Viren – virale Vektoren genannt – um Gene in eine menschliche Zellen einzuschleusen. In bisherigen Studien kamen dabei oft sogenannte Onkoviren zum Einsatz, die allerdings einen großen Nachteil haben – sie können selber Krebs verursachen.

In letzter Zeit setzen viele gentherapeutische Studien daher auf einen anderen viralen Vektor. Dieser stammt von den Lentiviren ab – und ist nichts anderes als eine völlig harmlose Form des AIDS-Virus. Die Ergebnisse mancher Studien deuten an, dass bei Lentiviren die Gefahr der Entstehung von Krebs geringer ist.

Doch leider ist es schwieriger, die T-Zellen der Patienten mit einem lentiviralen Vektor zu verändern (ein Prozess, den Wissenschaftler Transduktion nennen). Auch hierzu wird in Deutschland ein Beitrag geleistet. Forscher der Firma Sirion Biotech arbeiten an einem Verfahren, um die Transduktion von T-Zellen effizienter zu machen. Bei einer anderen Sorte von Immunzellen – den B-Lymphozyten – funktioniert dieser Ansatz schon zufriedenstellend, und die Firma hofft, dass er bald auch mit T-Zellen gute Ergebnisse liefert.

Die Immuntherapie mit CAR-T-Zellen gehören zu den hoffnungsvollsten Entwicklungen in der Krebstherapie. Auch wenn der Großteil der Forschung bislang im Ausland abläuft, tragen deutsche Forscher ihren Anteil dazu bei, dass diese neue Therapie bald alle Patienten erreichen könnte. Manche Experten hoffen, dass dies bereits in fünf oder sechs Jahren der Fall sein könnte.

Quellen:

Maude et al., Chimeric Antigen Receptor T Cells for Sustained Remissions in Leukemia, New England Journal of Medicine Oktober 2014
Maus et al., Antibody-modified T cells: CARs take the front seat for hematologic malignancies, Blood April 2014

Mehr dazu auf wissensschau.de:
CAR-T-Zellen bekämpfen Krebs trotz Tarnung
Gentherapie – einzige Hoffnung bei Erbkrankheiten?

Dieser Blogeintrag entstand in Kooperation mit Sirion Biotech, die Unterlagen zu ihren Transduktions-Reagenz LentiBOOST bereitgestellt hat.

4 thoughts on “CAR-T-Zellen gegen Krebs: Was passiert in Deutschland?

  1. Hallo
    Ich würde mich freuen wenn sie mir helfen würden
    Mein Neffe ist in Frankfurt seit gestern wenn wir uns einigen wird er mit car zellen behandelt
    Wir haben aber trotzdem angst davon
    Würde mich freuen für eine Antwort

    • Ich kann Ihre Angst gut verstehen – eine Behandlung mit CAR-T-Zellen ist immer noch ein Experiment und ein Risiko. Trotzdem könnten die Zellen Ihrem Neffen das Leben retten.

      Ein sehr schwierige Situation – bei der ich Ihnen leider aus der Ferne nicht helfen kann. Nur Ihr Arzt, der mit allen Details vertraut ist, kann Sie sinnvoll beraten. Vertrauen Sie ihm.

    • Leider wird das noch eine Weile dauern. In den USA wurde kürzlich die erste CAR-T-Zelltherapie zugelassen, und anscheinend ist auch bereits eine Zulassung in der EU beantragt. Wann die Therapie aber allgemein verfügbar wird, lässt sich nur schwer abschätzen.

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