12. Sep 2017

Erste CAR-T-Zelltherapie: wirksam aber teuer

Die USA haben CAR-T-Zellen für die Therapie von Blutkrebs zugelassen. Der hohe Preis sorgt jedoch für Diskussionen.

475 000 US-Dollar für eine Therapie – an diese Preiskategorie wird man sich nun endgültig gewöhnen müssen. Die Kosten der jüngst zugelassenen CAR-T-Zelltherapie Kymriah gelten als Orientierungspunkt für weitere Therapien, die naher Zukunft erwartet werden. Dabei ist Kymriah fast noch ein Schnäppchen, für die Gentherapien Glybera und Strimvelis musste jedenfalls deutlich mehr Geld über den Ladentisch wandern.

Der medizinische Nutzen steht dabei außer Frage. Die letzte Studie mit diesen gentechnisch veränderten Immunzellen war so überzeugend, dass die US-Arzneimittelbehörde nicht lange überlegen musste: Am 30. August hat sie mit Kymriah erstmals CAR-T-Zellen für den Markt zugelassen. Der Hersteller Novartis will nun schnell zur Tat schreiten: Schon in den nächsten Wochen sollen die ersten Patienten behandelt werden, die an einer aggressivem Form der akuten lymphatischen Leukämie (ALL) leiden.

Warum sind CAR-T-Zellen so teuer?

Fast zeitgleich mit der Zulassung gab Novartis seine Preisvorstellung bekannt – und versorgte damit US-amerikanischen Analysten mit reichlich Diskussionsstoff. Denn in den USA wird Krebsmedizin gerne als lukrativer Markt gesehen, auf dem sich Investoren eine goldene Nase verdienen können. Und einige davon reagierten wohl schwer enttäuscht.

Doch erst einmal zu den Gründen, die den hohen Preis von Kymriah rechtfertigen sollen. Die Herstellung ist zugebenermaßen aufwändig: Für jeden Patienten einzeln müssen T-Zellen aus dem Körper isoliert werden, mit dem künstlichen Rezeptor CAR transduziert und schließlich zu ausreichenden Mengen vermehrt werden. 22 Tage soll dieser Prozess dauern, und 50 000 US-Dollar Kosten pro Patient stehen im Raum.

Zudem ist die Krankheit eher selten, die Entwicklungskosten – Novartis spricht von einer Milliarden Dollar – müssen daher auf eine kleine Zahl von Patienten umgelegt werden. In den USA kommen jährlich höchstens 600 Kinder und junge Erwachsene in Frage, in den Deutschland ist es höchstens ein Drittel davon.

Sind 475 000 US-Dollar viel oder wenig?

Die Aussichten auf Erfolg sind hingegen relativ gut: 60 % der Patienten könnten langfristig überleben – beeindruckend, da nur fast hoffnunglose Fälle behandelt werden dürfen. Und schließlich handelt es sich um eine einmalige Therapie. Manche andere Krebsmedikamente, die über einen längeren Zeitraum genommen werden müssen, erreichen letztlich ähnliche finanzielle Dimensionen. So betrachtet ist der Preis von Kymriah gar nicht so ungewöhnlich.

Aus der Sicht von Investoren ist er sogar ein Schnäppchen. Tatsächlich wurden zuvor über Preise bis zu 700 000 US-Dollar spekuliert, auch weil eine offizielle britische Studie dies unter Umständen als gerechtfertigt deklariert hatte. Und kleinere Firmen als Novartis werden nun auch Probleme haben, die Erwartungen ihrer Geldgeber zu erfüllen. Doch diese Logik ist eine sehr spezielle: Sie folgt den Interessen der Industrie, die in neuen Therapien in erster Linie ein Produkt, und erst dann eine Heilung sieht.

Betroffene sehen das naturgemäß anders. Und der Präsident einer Patientenvereinigung fand dementsprechend starke Worte – für ihn ist das Preissystem in den USA vollkommen aus den Fugen geraten. Was ihn besonders erzürnt: Die Entwicklung der CAR-T-Zellen wurde anfangs mit Steuergeldern finanziert, insgesamt wohl bis zu 200 Millionen US-Dollar.

Medizin ist und bleibt teuer

Um die Wogen zu glätten, hat Novartis scheinbar Entgegenkommen signalisiert – eine Zahlung wird nur fällig, wenn der Patient innerhalb der ersten 30 Tage auf die Therapie anspricht. Doch das ist Augenwischerei: CAR-T-Zellen zeigen anfangs fast immer eine Wirkung. Der langfristige Erfolg hingegen lässt sich erst abschätzen, wenn sechs bis zwölf Monate verstrichen sind.

Grundsätzlich gehören erfolgsabhängige Zahlungen durchaus zu den Instrumenten, mit den die steigenden Pharmakosten gedeckelt werden könnten. Doch die Diskussion wird das nicht beenden. Denn das System beruht auf ein Zweiteilung: Die öffentliche Hand finanziert die Grundlagenforschung, aber die Pharmafirmen übernehmen die Einführung auf den Markt. Und solange wie die Industrie Profite einstreichen will (muss? soll?), wird sie auch die Preise entsprechend hoch ansetzen.

Jetzt mit dem Finger auf die Pharmakonzerne zu zeigen, wäre allerdings zu einfach. Denn zum einen ist Profitabilität der Anspruch, den unser Wirtschaftssystem an die Industrie stellt. Und zum anderen ist es in keiner Weise garantiert, dass die Entwicklung wesentlich billiger kommt, wenn sie vollständig von öffentlichen Institutionen getragen wird.

Medizinischer Fortschritt ist teuer, daran wird sich wenig ändern. Das müssen wir als Gesellschaft wohl so akzeptieren. Die Alternative ist noch unpopulärer: Sich Gedanken darüber zu machen, für was und für wen wir in Zukunft noch bezahlen wollen.

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