19. Mai 2017

Krebs und Zufall – neue Daten, alte Fehldeutungen

Forscher bekräftigen eine scheinbar kontroverse Studie: Ein Großteil der Krebsmutationen entsteht durch Zufall. Problematisch ist dabei nicht das Ergebnis, sondern deren Interpretation – Statistik wird mit wirklichem Leben verwechselt.

Vor zwei Jahren sorgte der prominente Krebsforscher Bert Vogelstein für Aufregung: Krebs beruhe vor allem auf Zufall („bad luck„). Die Botschaft war so griffig, dass sie in vielen Schlagzeilen um die Welt ging. Doch auch die Kritik war massiv, andere Forscher fanden große Löcher in der Argumentation und rügten die Aussage als vereinfachend und fehlgeleitet.

Nun haben Vogelstein und sein Koautor Cristian Tomasetti nachgelegt und sind auf Teile der Kritik eingegangen. Die neuen Daten stützen zwar das ursprüngliche Modell, ändern aber wenig am Kern der Kontroverse. Und Fehlinterpretationen blieben auch diesmal nicht aus.

Mehr Krebsarten, mehr Länder, genauere Analyse

Aber der Reihe nach: Einer der wichtigsten Einwände gegen die ursprüngliche Studie war, dass mit Prostata- und Brustkrebs zwei der wichtigsten Krebsarten fehlten. Dies wurde nun nachgeholt, und laut den Autoren stützen diese Analysen die ursprüngliche Aussage: Krebsmutationen entstehen vor allem dann, wenn Stammzellen sich teilen und dabei Fehler machen.

Ein zweiter zentraler Kritikpunkt war, dass die ursprüngliche Analyse sich rein auf die USA konzentrierte. Auch hier haben Vogelstein und Co nachgebessert: 69 Länder sind nun eingeschlossen, die zusammen fast fünf Milliarden Menschen und damit zwei Drittel der Weltbevölkerung beherbergen. Und auch weltweit bestätigt sich der ursprüngliche Trend: Krebs- und die Teilungsrate korrelieren zu rund achtzig Prozent.

Letztlich wurden die Krebsmutationen auch einer genauen Analyse unterzogen, um ihre Herkunft aufzuklären. Gemittelt über alle Krebsarten ergab dies: 66 % der Krebsmutationen entstehen per Zufall währende der Zellteilung, 29 % beruhen auf Einflüssen aus der Umwelt, und etwa 5 % werden vererbt.

Wie gesagt, das sind nur Durchschnittswerte, von denen einzelne Krebsarten stark abweichen können. Bei Lungenkrebs werden 65 % der Mutationen durch die Umwelt – sprich Rauchen – ausgelöst, bei Prostatakrebs sollen es hingegen weniger als 5 % sein (ein Wert, der übrigens bei anderen Forschern Verwunderung auslöst).

Krebs durch Zufall – eine gewagte Schlussfolgerung

Was haben wir aus den neuen Daten gelernt? Dass Fehler bei der Replikation eine Rolle bei Krebs spielen. Und dass die Umwelt und der Lebensstil auch eine Rolle spielen. Und dass der Einfluss beider Faktoren von Krebs zu Krebs unterschiedlich sein kann. So weit, so gut – so überhaupt nicht kontrovers. Diese Aussage kann vermutlich jeder Krebsforscher der Welt unterschreiben.

Das Problem ist die Schlussfolgerung: Die meisten Krebsfälle würden durch Krebs ausgelöst. Diesen Sprung können viele Kollegen nicht nachvollziehen. Vogelstein startet mit einem mathematischen Modell, das auf geschätzten Teilungsraten, Wahrscheinlichkeiten und Statistiken und Statistiken beruht. Doch er landet bei Voraussagen, die das Schicksal einzelner Patienten beschreiben sollen.

Warum das problematisch ist? Dazu eine Modellrechnung mit einer hypothetischen Krebsform, die auf drei Mutationen beruht: Wenn zwei der Mutationen bei der Zellteilung entstehen, die dritte aber durch die Umwelt – dann ist der Krebs in der Summe vermeidbar. Die Statistik der Krebsmutationen sagt wenig über die Realität einer Erkrankung.

Kollision mit der Realität

Dazu kommt, dass das mathematische Modell von Vogelstein in wichtigen Punkten auf Mutmaßungen beruht und unbekannte Faktoren einfach ausblendet. Zudem ist die Trennung zwischen Zellteilung und Umwelt für ein Modell sehr aufschlussreich, in der Realität aber kaum aufrecht zu erhalten.

Und apropos Realität – Vogelsteins Analysen behaupten, dass Prostatakrebs zu 95 % durch Zufall entsteht. Doch ein Japaner kann sein Risiko um den Faktor 25 senken, wenn er aus seinem Heimatland nach Nordamerika umzieht. Offenkundig hat Vogelstein da etwas ganz wichtiges übersehen.

Vereinfachungen helfen niemandem

Dennoch wird der Fehler von vor zwei Jahren wiederholt, die komplizierte Realität auf eine griffige Schlagzeile einzudampfen. Und so enden selbst nuancierte und kenntnisreiche Kommentare mit einer plakativen – und in dieser Form falschen – Botschaft: Gott würfelt eben doch.

Das ist zwar ganz im Sinne von Vogelstein, der mit seinen Analysen durchaus Nobles im Sinn hat: Betroffenen die Schuldgefühle zu nehmen. Daran ist nichts auszusetzen, denn niemand sollte einem Krebspatienten die Schuld an seiner Erkrankung geben. Aber es ist auch eine Botschaft, die in einer Sackgasse enden kann – in Resignation und Schicksalsergebenheit.

Krebs ist eine komplizierte Erkrankung, die vor allem eins nicht erlaubt – einfache Erklärungsversuche. Die helfen auch niemanden weiter. Wenn die Realität komplex ist, kommt man leider nicht darum herum, dies auch so kommunizieren.

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