28. Sep 2017

Neue Krebstherapien kosten Milliarden – oder nur hunderte Millionen?

Eine Analyse rechnet vor, was die Entwicklung neuer Medikamente kostet. Das Ergebnis liegt deutlich unter bisherigen Schätzungen – doch der Ansatz ist umstritten.

2,2 Milliarden Euro ist eine beeindruckende Summe. Soviel kostet die Entwicklung neuer Medikamente laut einer Studie, die allerdings unter tätiger Mithilfe der Pharmaindustrie entstand. Ein profilierter Kritiker macht nun eine eigene Rechnung auf: Die Kosten betragen demzufolge nur ein Viertel dieser Summe. Doch auch diese Zahl ist angreifbar – und am Ende liegen die Schätzungen vielleicht gar nicht so weit auseinander.

Erst 500 Millionen Euro, dann 1 Milliarde, dann mehr als zwei Milliarden – wer in den letzten Jahrzehnten die (angeblichen?) Entwicklungskosten neuer Medikamente verfolgt hat, konnte ein dramatischen Wachstum bestaunen. Die Steigerungsrate schien so absurd, dass viele Beobachter an eine Kampagne der Pharmaindustrie glaubten, die eigene Profite rechtfertigen sollte. Auch ich neigte zu dieser Ansicht.

Nur noch ein Viertel

Da kommt eine Analyse von Vinay Prasad wie gerufen. Der Onkologe Prasad ist ein scharfzüngiger Kritiker, der mit seinen Kommentaren zur Pharmaindustrie in den USA große Aufmerksamkeit erregt. Der Ton gefällt nicht jedem, aber in der Sache trifft Prasad oft ins Schwarze.

In einem renommierten Medizinjournal veröffentlichte er nun Zahlen, die denen der Industrie widersprechen. Er setzt die Kosten für die Entwicklung einer Krebstherapie deutlich niedriger an: 600 Millionen Euro im arithmetischen Mittel – die Angaben der Industrie wären damit um den Faktor vier zu hoch.

Wie erklärt sich diese Diskrepanz? Zum einen betrachte Prasad nur Entwicklungskosten im engeren Sinn – er lässt das Marketing bewusst außen vor. Die Industrie neigt dazu, nach Zulassung eines Wirkstoffs weitere Studien durchzuführen, die den Bekanntheitsgrad des Medikaments erhöhen sollen. Auch wenn diese Studien vor allem dem Verkauf dienen, werden sie der Entwicklung zugeschrieben – die Kosten treibt dies künstlich in die Höhe.

Gezählt werden nur die Sieger

Prasad trennt Entwicklung und Marketing, indem er nur Firmen analysiert, die zum ersten Mal ein Medikament auf den Markt bringen. Kosten für das Marketing können hier noch nicht entstanden sein. Im Zeitraum von 2006 bis 2015 trifft das auf zehn Unternehmen zu – nicht gerade viele Werte für eine aussagekräftige Statistik. Und so schwanken die Werte auch gewaltig: Die Entwicklungskosten reichen von 125 Millionen bis zu 1,6 Milliarden Euro.

Der Ansatz von Prasad hat jedoch ein großes Manko – er zählt nur die Sieger. Eine realistische Berechnung der Kosten muss auch die Fehlschläge mit einbeziehen, denn die Mehrzahl der potenziellen Wirkstoffe schafft es nie auf den Markt. Doch auch deren Entwicklung kostet Geld. Zwar hatten alle Firmen in Prasads Analyse mehrere Kandidaten in Entwicklung, aber all die Firmen, die vor dem Erfolg Bankrott gemacht haben, fließen nicht in seine Analysen an. Die Summe von 600 Millionen ist daher absehbar zu tief.

Ein weiterer großer Posten taucht in Prasads Zahl nicht auf: Die Pharmaindustrie argumentiert gerne, dass sie das Geld für die Entwicklung der Medikamente ja auch anderweitig hätte anlegen können. Diese Opportunitätskosten – also die entgangenen Erlöse – werden auf die tatsächlichen Kosten aufgeschlagen, und machen dabei einen beträchtlichen Anteil aus. In der oben genannten Summe von 2,2 Milliarden betragen die eigentlichen Ausgaben nur etwa 1,2 Milliarden, der Rest sind die (fiktiven!?) Opportunitätskosten.

Untere und obere Grenze

Der Unterschied zwischen den Schätzungen sinkt damit auf einen Faktor von zwei: Prasads 600 Millionen versus die 1,2 Milliarden der Industrie. Das kann man immer noch als Widerspruch begreifen, ist aber vielleicht nur ein Ausdruck der natürlichen Schwankungen. Prasads Wert ist damit das untere Limit, die Zahlen der Industrie wohl eher die Obergrenze. Und wie gesagt, dies sind nur statistische Werte für den Durchschnitt – im Einzelfall können die Kosten um ein Vielfaches abweichen.

Was ist nun das Fazit? Die Entwicklung von Medikamenten ist teuer – aber das war schon vorher klar. Die Zahl von 600 Millionen als untere Grenze hat mich persönlich dann doch schockiert: Nicht nur weil sie so hoch ist, sondern weil sie der Pharmaindustrie tendenziell recht gibt. Entwicklungskosten, die Milliardenbeträge erreichen können, entsprechen wohl tatsächlich der Realität.

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