28. Jul 2017

Tumortherapie – wenn die Herkunft keine Rolle spielt

Erstmals wurde eine Krebstherapie für jede Art von solidem Tumor zugelassen – unabhängig von seiner Herkunft. Entscheidend ist ein Defekt im Erbgut.

Bei etwa 5 % der Kolorektalen Karzinome liegt ein Defekt der DNA-Reparturmechanismen vor – sie können nun in den USA mit Keytruda behandelt werden. Quelle: Blausen Medical Communications, Inc.

Warum hat es eigentlich so lange gedauert? Gene dominieren schon seit Jahrzehnten die Krebsforschung, Gentests dirigieren den Einsatz vieler Therapien. Doch wenn neue Medikamente zugelassen werden, greifen noch die alten Kategorien – Tumore werden über das Gewebe definiert, aus dem sie stammen. Was für Lungenkrebs genehmigt ist, muss bei Hautkrebs neu getestet werden. Selbst wenn die gleichen Krebsgene mutiert sind.

Eine junge Klasse von Wirkstoffen bricht nun mit diesem Denkmuster. Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hat den Einsatz der Immuntherapie Keytruda für jegliche Art von soliden Tumoren zugelassen. Einzige Voraussetzung: Die Reparaturmechanismen des Erbguts müssen beschädigt sein.

Immuntherapie bei DNA-Reparatur-Defekt

Die Kombination erscheint überraschend: Hier eine Immunreaktion, die sich gegen Merkmale auf der Zelloberfläche richtet, dort ein Prozess, der sich tief im Zellkern abspielt. In diesem Fall jedoch hängt beides eng zusammen. Wenn Reparatur-Enzyme nicht mehr das Erbgut überwachen, sammeln sich Mutationen an. Diese verändern auch Proteine, die an der Oberfläche von Krebszellen präsentiert werden – und dann als Angriffspunkt für das Immunsystem dienen.

Nach dieser Logik sollten alle Tumore, deren DNA-Reparatur nicht mehr ordentlich funktioniert, rasch von Immunzellen entdeckt und ausgeschaltet werden. Doch viele wachsen unbekümmert weiter – sie bringen die Immunreaktion zum Stillstand. An diesem Punkt greift der Checkpoint-Inhibitor Keytruda (mit dem Wirkstoff Pembrolizumab) ein: Der Wirkstoff löst diese Bremse und die Krebszellen werden eliminiert.

Fünf unabhängige Studien haben gezeigt, dass dieser Ansatz wirksam sein kann. Insgesamt 149 Patienten, die an fünfzehn unterschiedlichen Formen von Krebs litten, wurden mit Keytruda behandelt, und bei immerhin 46 zeige sich eine Wirkung, die länger als sechs Monate anhielt. Kein Wundermittel also, aber wenigstens ein Funken Hoffnung für todkranke Menschen.

Biomarker vor einem langen Weg

Dies war offenkundig auch die Meinung der FDA. Keytruda ist nun das erste Krebsmedikament, das nicht mehr für bestimmte Gewebe indiziert ist – den Ausschlag geben Biomarker, die auf einen Reparaturdefekt hinweisen.

Keytruda könnte bald Gesellschaft bekommen. Firmen wie Loxo Oncology und Ignyta arbeiten an Wirkstoffen, die ebenfalls gewebeunabhängig an bestimmten Mutationen ansetzen. Wenn alles gut läuft, könnten sie in einigen Jahren auf den Markt kommen.

Diese Entwicklung macht Hoffnung, ein endgültiger Durchbruch ist sie noch nicht. Nur einer von etwa 25 Tumoren weist einen Defekt in den DNA-Reparaturmechanismen auf, der überwiegende Mehrzahl der Krebspatienten wird also nicht von Keytruda profitieren. Und auch die anderen potenziellen Therapien richten sich nur an begrenzte Patientenzahlen. Ein großer Durchbruch ist keiner von ihnen, sondern nur ein weiterer Stein in einem großen Mosaik.

Damit kommen wir auf die anfängliche Frage zurück – warum hat es so lange gedauert? Die Antwort ist fast schon Standard: An großartigen Ideen hat es in der Krebsmedizin nie gemangelt, deren Umsetzung erwies sich aber immer als extrem mühsam. Und wenn eine Therapie dann alle Hürden genommen hat, war sie nur noch für einen Bruchteil der Patienten relevant. Biomarker-basierte Therapien bilden da keine Ausnahme.

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