22. Jan 2015

Ursache von Krebs – wirklich zu 65 % Zufall?

Eine Zahl geisterte durch die Presse: 65 % aller Krebsfälle sollen auf zufälligen Mutationen beruhen. Doch ganz so einfach ist das nicht.

Bert Vogelstein ist ein weltweit berühmter Krebsforscher – was er sagt, hat Gewicht. Doch leider fand sich in seiner jüngsten Studie der Begriff „bad luck“, oder Pech. Und nicht weit davon entfernt tauchte auch noch der Wert 65 % auf. Die naheliegende – aber leider falsche – Schlussfolgerung machte Schlagzeilen: 65 % aller Krebspatienten sollten schlichtweg Pech gehabt haben.

Doch das hat Vogelstein nie behauptet, zumindest nicht so. Die 65 % bezog er auf eine bestimmte statistische Größe – aber dazu muss man etwas weiter ausholen.

Statistische Betrachtungen
Vogelstein und sein Kollege Tomasetti veröffentlichten im Science-Magazin eine statistische Analyse über die Ursachen von Krebs. Ihnen fiel auf, dass Krebs in manchen Organen wesentlich häufiger auftritt als in anderen. Und sie wussten auch, dass Stammzellen sich in manchen Organen häufiger teilen als in anderen. Daraus leiteten sie eine Hypothese ab: Zufällige Fehler bei der Zellteilung erzeugen Mutationen, die dann wiederum Krebs auslösen.

Die Forscher suchten die besten verfügbaren Daten aus der Literatur zusammen, zum einen über die Häufigkeit von Krebs und zum anderen über die (mutmaßliche) Teilungsrate von Stammzellen. Mit diesen Daten fütterten sie statistische Modelle – und fanden tatsächlich eine starke Korrelation: Je mehr Stammzellteilungen in einem Organ, desto höher die Krebswahrscheinlichkeit.

Und dabei tauchten auch die ominösen 65 % auf. Doch dieser Wert bezieht sich nicht direkt auf die Ursache von Krebs, wie meist berichtet. Er beschreibt etwas anderes: Den Anteil an der Varianz des Krebsrisikos zwischen verschiedenen Geweben, der sich durch eine unterschiedliche Teilungsrate der Stammzellen erklären lässt. Eine schwer verdauliche Aussage, die auch nach mehrmaligen Lesen nicht verständlicher wird. Daher war die Presse gezwungen, zu vereinfachen – und der eigentlichen Aussage tat das nicht besonders gut.

Kritische Punkte
Diese Vereinfachung – manche sagen Fehlinterpretation – rief viele Kritiker auf den Plan. Aber auch in der Studie selber finden sich Mängel: So blieben zwei der häufigsten Krebsarten (in Brust und Prostata) außen vor, da für diese Gewebe keine verlässlichen Angaben über die Stammzellteilungen existieren. Die Teilungsrate von menschlichen Stammzellen ist überhaupt sehr schwierig zu bestimmen, viele Werte dürften wohl eher grobe Schätzungen darstellen. Und vor allem: Selbst die beste statistische Korrelation ist kein Beweis für die Richtigkeit einer Hypothese.

Die Presse hatte das Thema mit Freude aufgenommen, zu verlockend schien die scheinbar eindeutig Aussage. Doch als die Probleme klar wurden, haben auch viele versucht, die Tatsachen wieder gerade zu rücken. Zuallererst die Journalistin des Science-Magazins, die wohl wesentlichen Anteil daran hatte, dass diese Geschichte so weit verbreitet wurde. Ein Gutes hat die mediale Verwirrung jedenfalls: Es wurde ausgiebig über die Ursachen von Krebs diskutiert.

Denn niemand zweifelt die Kernaussage der Vogelstein-Studie an: Der Zufall spielt eine große Rolle bei der Entstehung von Krebs. Jedoch spielt auch die Umwelt eine große Rolle (Rauchen und Lungenkrebs!). Und zum Schluss sollte man die Gene nicht vergessen (BRCA und Brustkrebs!). Die Ursachen von Krebs sind vielfältig und komplex – das ist wohl die wichtigste Botschaft.

Nachtrag: Zwei Jahre später legen Vogelstein und Tomasetti nach, aber am Kern der Kontroverse hat sich wenig geändert

Quellen:
Tomasetti und Vogelstein, Science Januar 2015: Cancer etiology. Variation in cancer risk among tissues can be explained by the number of stem cell divisions.

Mehr dazu auf wissensschau.de:

Krebs – eine Krankheit der Gene

2 thoughts on “Ursache von Krebs – wirklich zu 65 % Zufall?

  1. Tomasetti und Vogelstein haben etwas festgestellt. Das passt Leuten (unwissenschaftlich Denkenden) nicht, die gerne anderen, an Krebs erkrankten Menschen „selbst schuld“ vorwerfen, aufgrund ihrer Lebensführung (Rauchen) oder ihres Jobs (Chemiefabrik) oder weil sie nicht joggen wollten (z. B. aufgrund von Kniebeschwerden). Dass auch Nichtraucher an Lungenkrebs erkranken, wird einfach unterschlagen, dass nicht alle in einer Chemiefabrik Arbeitenden an Krebs erkranken ebenso.
    Eindeutig ist die „Krebsursachendebatte“ ideologisiert: „Lebensführung“ – da lässt sich die Ursachenzuschreibung wunderbar individualisieren. „Umwelteinflüsse“ – da kann man Konzerne festnageln. Das passt ins Konzept der Schuldzuschreibungsideologen.
    Wie einfach ist es, den Maßgaben texanischer Ölmilliardäre zu folgen und Raucher, die an Krebs erkranken selbst dafür verantwortlich zu machen? Ganz einfach.
    Raucher, die nicht an Lungenkrebs erkranken können die nicht erklären. Und Nichtraucher, die an Lungenkrebs erkranken können die auch nicht erklären.
    Eine wissenschaftliche Studie dazu müsste das Was, Wie, Wo, Wann und auch das Warum beinhalten. Wird nicht gemacht, stattdessen die Aussage getroffen: Rauchen = Lungenkrebs. Das ist antiwissenschaftlich. Eine solche Aussage ist eindeutig ideologisch motiviert.
    Und, nebenbei, trägt nicht zu einer – wie sagen es solche Ideologen? – „bewussteren Lebensführung“ bei. Kein Wunder, diese Ideologen führen ihr Leben nicht bewusst, sondern, Tautologie, ideologisch, wollen anderen ihre Weltsicht aufzwingen.
    Tomasetti und Vogelstein haben festgestellt, dass Ideologen komplett im Irrtum sind, Krebspatienten vorzuwerfen, sie seien selbst schuld. Das ist mal ein Ansatz wider die ideologisierte Debatte.

  2. Grundsätzlich haben Sie natürlich recht: Bei Krebs sind Schuldzuweisungen schlichtweg unangebracht.
    Das Beispiel Lungenkrebs ist allerdings unglücklich gewählt: Ausgerechnet hier ist ziemlich klar, dass Rauchen das Risiko deutlich erhöht.

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