18. Sep 2016

Zielgerichtete Krebstherapien – ein Wunschtraum?

Genomforschung und Krebstherapie – die Kombination gilt als Traumpaar. Doch nach ersten Erfolgen tritt die Entwicklung auf der Stelle, und manche Forscher prophezeien schon das endgültige Scheitern.

sorafenib

Sorafenib ist ein zielgerichtetes Medikament, das bei Nieren- und Leberkrebs helfen soll. Die Erfolge halten sich bislang jeoch in Grenzen. Quelle: Fvasconcellos

Danach folgten noch einzelne (Teil-)Erfolge, aber das Hoffen auf ein zweites Imatinib blieb bislang vergeblich. Der US-amerikanische Krebsmediziner Vinay Prasad hat offenkundig vom Warten genug, er bläst zum Frontalangriff: Die zielgerichtete Krebstherapie wird niemals erfolgreich – behauptet er in einem Kommentar im Fachblatt Nature. Das ist, ohne Zweifel, als Provokation gedacht. Und wie jede Provokation schießt sie über das Ziel hinaus.

Unter tausenden Patienten nur 32 Erfolge

Dennoch – erst einmal hat Prasad gute Argumente auf seiner Seite. Seit Jahren versuchen Ärzte sich in der precision oncology, indem sie nach exakter Analyse des Tumorgenoms mit zielgerichteten Krebstherapien erfolgreich sein wollen. Tausende Patienten und deren Tumore wurden bereits sequenziert, aber die Bilanz bleibt mager – nur 32 Erfolge sind dokumentiert.

Zudem besteht ein Mangel an systematischen Untersuchungen, laut Prasad genügt nur eine einzige Studie den höchsten Ansprüchen. Sie umfasste knapp 200 Patienten und maß die Zeit, während der die Patienten kein Fortschreiten des Tumors erlebten. Das Ergebnis war ernüchternd. In der Kontrollgruppe blieben den Patienten durchschnittlich etwa 2,0 Monate, und durch den Einsatz der precision oncology verlängerte sich dies nur minimal – auf gerade einmal 2,3 Monate.

Resistenzen und Nebenwirkungen als Hauptprobleme

Der precision oncology fehlt es bislang an Schlagkraft – dennoch gab es Erfolge. Abgesehen von Imatinib (Handelsname Glivec) würdigt Prasad diese aber mit keinem Wort. Dabei hat Trastuzumab (Herceptin) wohl tausenden Frauen mit Brustkrebs das Leben gerettet, wenn auch nicht jede darauf anspricht. Und Vemurafenib (Zelboraf) hat bei einzelnen Patienten mit Melanomen spektakuläre Wirkungen erzielt – die allerdings schon nach wenigen Monaten durch Resistenzen zunichte gemacht wird.

Und damit wären wir schon bei einem der Hauptprobleme: Ärzte haben das Problem der Resistenz bislang nicht in den Griff bekommen. Eine mögliche Lösung wäre die gleichzeitige Gabe mehrerer zielgerichteter Medikamente, aber die scheitert bislang auch an einem weiteren großen Problem – schwerwiegende Nebenwirkungen. Die einzelnen Wirkstoffe werden bislang so schlecht vertragen, dass an eine Kombination kaum zu denken.

Kombinationstherapien als Hoffnung

Doch wer sagt, dass zukünftige Medikamente die gleichen Geburtsfehler tragen? Wenn die Wirksamkeit steigt und die Nebenwirkungen nachlassen, wenn die Kombination mehrerer Wirkstoffe möglich wird oder das Zusammenspiel mit Immuntherapien – dann sind größere Fortschritte nicht ausgeschlossen. Vielleicht sogar der eine oder andere Durchbruch wie Imatinib.

Die precision oncology ist bislang über erste Ansätze nicht herausgekommen, daran besteht wenig Zweifel. Deswegen muss man aber noch lange nicht ihr endgültiges Scheitern verkünden. Aber vermutlich provoziert Prasad mit dieser These auch nur, weil er etwas verändern möchte. Am Ende seines Kommentars geißelt er selbstgefällige Rhetorik und fordert stattdessen bessere Studien. Hier kann man ihm dann uneingeschränkt zustimmen.

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