13. Okt 2016

Der erste genmodifizierte Mensch – Wissenschaft ohne Verantwortung

Keine Rücksicht, keine Verantwortung – es gibt ein Klischee, das Wissenschaftler als von einem Ziel besessene Menschen darstellt. Der Arzt John Zhang ist nahe dran, es zu erfüllen.

mitochondrien-spende

Am 6. April 2014 kam das erste genmodifizierte Kind zur Welt. An sich keine Überraschung, denn in Großbritannien arbeiten Forscher seit Jahren darauf hin – und konsultierten dabei Öffentlichkeit und Gesetzgeber in vorbildlicher Weise. Aber die Geburt fand in Mexiko statt, und es war ein US-amerikanischer Arzt, der dort eine Gesetzeslücke nutzte. Verantwortung und Rücksicht sucht man hier vergebens.

Die Mitochondrien-Spende – um diese Technik geht es – kann großes Leid verhindern. In Mexiko half sie einer Frau aus Jordanien, die an einer seltenen Erbkrankheit mi Namen Leigh-Syndrom litt. Sie selber bleibt verschont, aber in ihren Nachkommen kam die Krankheit voll zum Ausbruch: Vier Fehlgeburten und zwei früh verstorbene Kinder waren die Folge.

Mitochondrien-Spende – ethisch kontrovers

Für die Jordanierin ist eine Mitochondrien-Spende die einzige Hoffnung auf ein gesundes Kind. Dazu überführte der Arzt John Zhang ihr Erbmaterial – genauer gesagt die Spindel einer Eizelle – in die entkernte Eizelle einer Spenderin. Die intakten Mitochondrien der Spenderin sollten den genetischen Defekt beheben und dem Kind eine normale Entwicklung erlauben.

Einem gesunden Kind zur Geburt verhelfen – das ist per se nichts Schlechtes. Aber bei der Mitochondrien-Spende geht es um mehr: Menschen werden hierbei genetisch modifiziert, und zudem ist es ein Eingriff in die Keimbahn (mehr dazu bei Telepolis). Beides ohne Frage höchst kontroverse Themen, die – so bislang zumindest der allgemeine Konsens – eine Beteiligung und Mitsprache der Öffentlichkeit erfordern.

Wen kümmert die Öffentlichkeit?

Der Reproduktionsmediziner John Zhang ist da offenkundig anderer Meinung. In New York, wo er private Klinik betreibt, wäre die Mitochondrien-Spende niemals erlaubt worden. Die Gesundheitsbehörde sieht noch medizinische Risiken, und der Kongress hat das Verfahren zur Genehmigung grundsätzlich blockiert. Zhang ignorierte jedoch die Diskussion in seiner Wahlheimat USA und wich nach Mexiko aus, wo – seinen Worten zufolge – „keine Regeln herrschen“.

Seine Begründung: „Leben retten ist stets ethisches Gebot“. Allerdings rettet Zhang kein Leben, er verhilft einem Kind zur Geburt. Und vor allem maßt er sich an, „ethische Gebote“ nach eigenem Gutdünken zu definieren. Er agiert auf eigene Faustt und torpediert dabei die öffentliche Diskussion in seiner Wahlheimat USA. Aber das ist ihm offenkundig egal.

Risiko auf Kosten des Kindes

Rücksichtslos verhält sich Zhang auch dem Kind gegenüber. In Großbritannien ist die Mitochondrien-Spende zwar erlaubt, wurde aber bislang nicht angewendet – denn noch bleiben medizinische Fragen offen. Zhang ignoriert auch das und experimentiert munter mit einem menschlichen Leben. Noch schlimmer: Er scheint die Methode nicht wirklich zu beherrschen und erzeugte Eizellen, die weit vom allgemeinen Standard entfernt sind. Das Kind hat er dabei einem erheblichen Risiko ausgesetzt.

Zhang ist dabei Wiederholungstäter. Bereits im Jahr 2003 – damals in China – hat er sich an der Mitochondrien-Spende versucht. Das Resultat waren drei Fehlgeburten.

Das in Mexiko geborene Kind ist bislang – zum Glück – gesund. Andernfalls wären die Medien sicherlich über Zhang hergefallen, aber so kann er sich über die weltweite Aufmerksamkeit freuen. Was den Geschäften seiner privaten Fruchtbarkeitsklinik sicher nicht schaden wird.

Ruhm und Aufmerksamkeit

Und weil wir schon bei den Medien sind: Zhang präsentierte seinen Eingriff im Populärmagazin New Scientist, als Exklusivgeschichte und in guter Tradition des Sensationsjournalismus. Die Fachwelt wird sicherheitshalber erst Mitte Oktober informiert – sie wird wohl wesentlich kritischer mit seinem „Erfolg“ umgehen. Es lohnt sich übrigens auch ein Blick auf das Foto in dem Exklusivartikel: Es wird dominiert von einem triumphierenden Zhang, der Säugling verschwindet fast in der Bildecke. Ruhm und die Aufmerksamkeit, das scheint Zhang zu gefallen. Vielleicht auch das eigentliche Motiv hinter dieser Geburt…

Zhang erfüllt das Klischee vom rücksichtslosen Wissenschaftler, und er wird nicht der Letzte bleiben. Bei anderen kontroversen Themen – sei es die zielgerichtete Keimbahntherapie oder der Gene Drive – wird sich ebenfalls jemand finden, der ohne Rücksicht vorprescht. Mindestens 99,9 % aller Wissenschaftler und Ärzte verhalten sich verantwortungsvoll – hoffentlich wird ihr Ruf nicht durch Leute wie Zhang beschädigt.

2 thoughts on “Der erste genmodifizierte Mensch – Wissenschaft ohne Verantwortung

  1. Einem gesunden Kind zur Geburt verhelfen – das ist per se nichts Schlechtes.
    Wenn das Kind gesund wäre, wäre die Mitochondrienbehandlung nicht nötig gewesen. Jegliche genetische Modifikation eines ungeborenen Kindes erfolgt nicht an einem gesundem Embryo. Folglich handelt es sich lediglich um die Erfüllung eined Elternwunsches. Und da kann man doch besser adoptieren.

    • Jegliche genetische Modifikation eines ungeborenen Kindes erfolgt nicht an einem gesundem Embryo

      In diesem Fall doch: Die Modifikation erfolgte an der unbefruchteten Eizelle, das heißt im Augenblick der Befruchtung ist ein (hoffentlich) gesunder Embryo entstanden.

      Aber grundsätzlich gebe ich Dir recht: Es handelt sich um die Erfüllung eines Elternwunsches, und nicht um eine Therapie. Auch das mit der Adoption ist ein guter Punkt – diese Möglichkeit wird fast immer außer acht gelassen, wenn es um das Thema Unfruchtbarkeit geht. Ich persönlich halte die biologische Verwandtschaft zum Kind für vollkommen überbewertet, aber mit dieser Meinung bin ich wohl in der Minderheit. Die meisten Eltern in spe würden alles für ein „eigenes“ Kind tun…

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