20. Feb 2015

Drei Eltern, ein Kind, ein gefallenes Tabu

Die sogenannte Mitochondrien-Spende verändert das Erbgut ungeborener Kinder – und das der folgenden Generationen auch. Ein großes Tabu der Gentherapie ist damit gefallen.

Lange Zeit war die Grenze klar abgesteckt: Gentherapien dürfen das Erbgut nicht so verändern, dass auch nachfolgende Generationen betroffen sind. Die Mutation der Keimbahn war ein weltweit und allgemein akzeptiertes Tabu. Ein britischer Vorstoß kündigt diesen Konsens auf. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis die gezielte Manipulation der Keimbahn zur Normalität wird.

Kurz zum Hintergrund: Etwa eines von 5000 Kindern wird mit einer seltenen Krankheit geboren, einer sogenannten Mitochondropathie. Diese teils tödlichen Krankheiten könnten heilbar sein, wenn Ärzte das Erbmaterial der Betroffenen in die Eizelle einer gesunden Spenderin verpflanzen – ein Prozess, der Mitochondrien-Spende genannt wird (mehr zu den medizinischen Risiken hier). In Großbritannien könnte dies schon bald Wirklichkeit werden.

Gezielte und dauerhafte Manipulation
Die Mitochondrien-Spende wird gerne mit „Drei Eltern, ein Kind“ auf den Punkt gebracht. Das ist natürlich weit übertrieben: Die Spenderin der Eizelle bringt gerade einmal die 37 Gene im Erbgut der Mitochondrien mit, während die Mutter die etwa 20 000 Gene des Zellkerns beiträgt. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass das Kind wahrnehmbare Eigenschaften der Eizellen-Spenderin übernimmt.

Doch auch wenn der Eingriff in das Erbgut letztlich geringfügig ist – die Auswirkungen auf unser Menschenbild werden es nicht sein. Die menschliche Erbinformation ist nun offen für gezielte und dauerhafte Manipulationen. Wendet man ähnlich strenge Regeln wie bei der Gentechnik an, entstehen bei der Mitochondrien-Spende eindeutig GVBs – gentechnisch veränderte Babys.

Manche Experten warnen sogar schon vor Designer-Babys. Auch das ist weit übertrieben: Niemand verfügt über die Fähigkeit, das menschliche Erbgut nach Wunsch zu gestalten. Mehr als einzelne, punktuelle Veränderungen sind heute nicht machbar, und auch in absehbarer Zukunft wird es da kaum dramatische Fortschritte geben.

Dennoch droht ein Damm zu brechen. Der prominente US-amerikanische Forscher Shoukhrat Mitalipov hat schon beantragt, die Mitochondrien-Spende auch bei der Behandlung von Unfruchtbarkeit einzusetzen. Dann geht es nicht um eine kleine Zahl kranker Kinder, sondern eventuell um tausende und abertausende von Fällen.

Ein altes Gespenst
Der Druck würde wachsen, auch andere Erbkrankheiten zu korrigieren. Neue Techniken der Gentherapie erlauben es, das Erbgut so zielgenau zu verändern, dass quasi keine Spuren zurückbleiben. Vom Ansatz her gibt da keinen Unterschied zu der wohl schon bald legalen Mitochondrien-Spende.

Damit wird ein Gedankengut aktuell, das von der Geschichte gründlich diskreditiert wurde – die Eugenik. Vor den Nazis waren Eugeniker hochangesehen, und wohl meist von durchaus noblen Motiven getrieben. Und auch heute ist dieses Gedankengut nicht aus der Welt: Selbst in dem renommierten Fachjournal Nature erschien unlängst ein Beitrag, in dem eugenisches Gedankengut durchschimmerte – und das nicht gerade zart.

Mit dem Vorwurf der Eugenik kann man natürlich – gerade in Deutschland – jede Diskussion im Keim ersticken. Das sollte nicht das Ziel sein: Der Gedanke, Kinder vor schweren Krankheiten zu bewahren, ist nicht von grundauf schlecht. Aber dennoch übertreten wir hier eine ethische Grenze, die eine hohe symbolische Bedeutung hat. Die Menschheit strebt danach, ihr Schicksal selbst zu bestimmen – und verändert dafür ab jetzt auch ihr Erbgut.

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