25. Mai 2013

Eizellen – immer neu oder einmal fürs Leben?

Eine Frau wird mit all ihren Eizellen geboren, und diese werden Zeit ihres Lebens nicht erneuert – so die Lehrmeinung seit den 1950er Jahren. Doch vor knapp 10 Jahren kamen massive Zweifel auf, spezialisierte Stammzellen sollten ständig neue Eizellen nachliefern. Aber auch diese Daten kamen unter heftigen Beschuss, und seitdem wogt der Streit hin und her. Der aktuelle Stand: Die Lehrmeinung hatte doch recht.

Denn in Mäusen scheint die Situation eindeutig zu sein, wenn man den Forschern L. Lei und A. Spradling aus Baltimore glauben darf. Sie beschreiben in der aktuellen Ausgabe des PNAS, dass die Primordialfollikel (also die Zellhaufen, in deren Mitte sich eine Eizelle befindet) sehr stabil sind: In erwachsenen Tieren haben diese Follikel eine Halbwertszeit, die etwa der halben Lebenslänge einer Maus entspricht – ein Weibchen kann damit ihr Leben lang fruchtbar bleiben. Werden Keimzellen in einer frühen Phase der Entwicklung ausgeschaltet, bleiben nur bereits vorhandene Eizellen übrig – von Neubildung keine Spur.

Diese Erkenntnisse stehen im direkten Gegensatz zu den Daten, mit denen der Reproduktions-Biologe Jonathan Tilly aus Boston im Jahr 2004 Aufsehen erregte. Er glaubte, in den Eierstöcken von Mäusen Stammzellen gefunden zu haben, die auch noch in erwachsenen Tieren neue Eizellen produzieren. Doch mit seiner Meinung stand er weitgehend alleine da, und es hat seiner Glaubwürdigkeit auch nicht geholfen, dass er im Jahr darauf diese Ei-Stammzellen im Knochenmark verortete. Diese Behauptung musste er kurz darauf sang- und klanglos zurückziehen.

Unterstützung bekam Tilly dann 2009, als eine chinesische Arbeitsgruppe ebenfalls Stammzellen in den Eierstöcken der Maus fand. 2012 schließlich konnte Tillys Arbeitsgruppe diese Zellen – oogoniale Stammzellen genannt – auch im Menschen identifizieren und die Produktion neuer Eizellen nachweisen. Frei von Bescheidenheit rief Tilly diesem Artikel die Eröffnung eines neuen Forschungsfeldes in der menschlichen Reproduktions-Biologie aus.

Was bedeuten nun die neuen Daten von Lei und Spradling? Sind sie ein letztes Aufflackern der Lehrmeinung oder der Todesstoß für die Stammzell-These? Die Wahrheit wird vielleicht – wie so oft in der Forschung – irgendwo in der Mitte liegen.

Trotzdem darf man gespannt sein, wie sich dieser Streit weiter entwickelt. Denn das ist ja auch das Schöne an der Wissenschaft – scheinbar unumstößliche Dogmen geraten schnell ins Wanken. Wer festgefügte Wahrheiten sucht, muss sich woanders umsehen.

Lei und Spradling, PNAS 2013: Female mice lack adult germ-line stem cells but sustain oogenesis using stable primordial follicles

White et al, Nature Medicine 2012: Oocyte formation by mitotically active germ cells purified from ovaries of reproductive-age women

One thought on “Eizellen – immer neu oder einmal fürs Leben?

  1. Pingback: Eizellen produzierende Stammzellen in Eierstöcken? | Patrik Tschudin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.