8. Apr 2015

Embryonale Stammzellen in der Medizin – nur eine flüchtige Episode?

Experimentelle Therapien mit embryonalen Zellen arbeiten sich langsam an die Klinik heran. Doch gehört ihnen auch die Zukunft? Zweifel sind angebracht, und so basteln Biotech-Firmen schon längst an einer Alternative.

Wer sich heute für embryonale Stammzelltherapien interessiert, stößt bald auf Ocata Therapeutics. Die US-Biotechfirma um den smarten Chef-Wissenschaftler Robert Lanza ist ihren Konkurrenten deutlich voraus: Zwei Studien wurden kürzlich erfolgreich – und schlagzeilenträchtig – abgeschlossen, vier weitere laufen oder sind in Vorbereitung. Die jüngste Pressemitteilung passt da allerdings nicht ganz ins Bild: Ocata hat sich Lizenzen für die Erzeugung von iPS-Zellen gesichert. Also genau die Art von Zellen, die den embryonalen Stammzelltherapien bald den Garaus bereiten könnten.

Ein Richtungswechsel?

Nicht wirklich. Bereits 2012 kündigte Lanza an, bald mit den Vorbereitungen für eine iPS-Zelltherapie zu beginnen. Eher beiläufig über Twitter, denn eigentlich wollte er nur dem iPS-Pionier Shinya Yamanaka zu seinem Nobelpreis gratulieren. Doch mit der iPS-Studie ist Ocata offenkundig bislang nicht weitergekommen.

Stattdessen kam ihnen eine japanische Gruppe zuvor. Ende 2014 wurde erstmals eine erblindete Frau mit iPS-Zellen behandelt. Möglich war dies, weil die japanische Regierung mächtig Dampf gemacht hat: iPS-Zellen wurden zur wissenschaftlichen – und vor allem wirtschaftlichen – Priorität erkoren.

Harte Konkurrenz

Damit kommen auch diejenigen Firmen unter Druck, die sich bislang auf embryonale Stammzellen konzentrieren. Denn iPS-Zellen haben erhebliche Vorteile. Der vielleicht Wichtigste: Sie tragen keinerlei ethischen Ballast. Kleine Gewebeproben von Erwachsenen genügen für ihre Herstellung, und leere Vorräte können schnell wieder aufgefüllt werden. Für embryonale Zellen muss jedoch ein menschlicher Embryo zerstört werden. Oder sogar sehr, sehr viele – falls die Stammzelltherapien jemals zur Anwendung kommen.

iPS-Zellen bieten zusätzlich die Möglichkeit, Patienten mit ihren eigenen Zellen zu behandeln. Das transplantierte Gewebe wird dann nicht vom eigenen Immunsystem angegriffen, und die lebenslange Einnahme von Medikamenten, die dieses unterdrücken, wäre überflüssig. Die Erfolgschancen der Therapie wären höher und die Lebensqualität der geheilten Patienten besser.

Vorausgesetzt, es tauchen keine größeren Probleme auf, könnten iPS-Zellen ihre embryonalen Vettern also bald verdrängen. Ocata tat also gut daran, sich diese Option frühzeitig offen zu lassen und nun sogar weiter auszubauen. Auch andere US-amerikanische Firmen sind schon längst aktiv geworden. ViaCyte, das seit kurzem eine Stammzelltherapie für Diabetes testet, hat bereits 2008 eine Kooperation mit Yamanaka vereinbart. Und Asterias, die Querschnittsgelähmte mit embryonalen Zellen behandelt, kann über die Mutterfirma BioTime ebenfalls auf iPS-Zellen zugreifen.

Sind embryonale Stammzellen also schon ein Auslaufmodell, bevor sie überhaupt in der Medizin angekommen sind? Noch ist nichts entschieden, und in der klinischen Entwicklung sind sie den iPS-Zellen noch um Jahre voraus. Doch die japanische Regierung investiert viel Geld in die iPS-Forschung, und sie erteilt Genehmigungen mit einer Großzügigkeit, von der westliche Firmen nur träumen können. Der Vorsprung könnte bald aufgezehrt sein. Gut möglich, dass Therapien mit embryonalen Stammzellen nur eine flüchtige Episode bleiben.


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Embryonale Stammzelltherapien – erste Studien am Menschen

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