19. Okt 2017

Leukämie – die dunkle Seite der Stammzellen

Stammzellen sind die Hauptschuldigen, wenn eine Form der Leukämie trotz erfolgreicher Therapie zurückkehrt. Die Forschung ist damit einen Schritt weiter, die Medizin noch nicht.

Die akute myeloische Leukämie (AML) ist hartnäckig: Selbst wenn eine Therapie anfangs erfolgreich scheint, kehrt der Krebs häufig zurück. Was macht die AML so gefährlich? Stammzellen aus dem Knochenmark sind der Ursprung der Krankheit, und Forscher vermuteten bereits, dass sie auch die Rückfälle verursachen. Eine Studie erhärtet diesen Verdacht – und verdoppelt zudem die Zahl der Schuldigen.

Vor einigen Jahren formulierten Forscher eine kontroverse These: Widerstandsfähige Tumor-Stammzellen sollten den Kern einer Krebserkrankung bilden. Die Analyse von AML hat wesentlich zu diesem Konzept beigetragen, denn bei dieser Erkrankung sind nicht alle Krebszellen. Es herrscht eine Hierarchie, bei der die Fähigkeiten und Funktionen unterschiedlich verteilt sind. Fast so, wie in einem gesunden Körpergewebe auch.

Stammzellen im Tumor

Eine kleine Zahl von Krebszellen übernimmt dabei die Rolle, die im Körper den Stammzellen zukommt. Sie treiben das Wachstum des Tumors voran und sind möglicherweise auch die Hauptschuldigen bei einem Rückfall. Die Existenz dieser Tumor-Stammzellen war anfangs hart umstritten, hat sich aber mittlerweile – mit Einschränkungen – bei vielen Krebsarten bestätigt.

Forscher der Universität Toronto haben jetzt im Magazin Nature einen weiteren Beweis erbracht. Sie untersuchten elf Patienten mit AML, die nach anfänglich erfolgreicher Behandlung einen Rückfall erlitten. Die Frage lautete: Wie unterscheiden sich die Krebszellen aus der Erstdiagnose von denen des Rückfalls? Die Antwort lieferte eine gründliche Analyse des Erbguts, gepaart mit Transplantations-Versuchen in Mäusen.

Das Ergebnis war eindeutig: Tumor-Stammzellen trugen die Schuld an dem Rückfall – deren Rolle wurde damit erstmals stichhaltig bewiesen. Und eine andere drängende Frage wurde geklärt: Wann entstehen die Tumor-Stammzellen, die für den Rückfall verantwortlich sind?

Resistent gegen die Chemotherapie

Eine der möglichen Antworten lautete, dass die harte AML-Behandlung (meist eine Chemotherapie) Mutationen im Erbgut hervorruft, die den Krebszellen das Überleben ermöglichen. Die Studie der Kanadier weist jedoch in eine andere Richtung: Die Tumor-Stammzellen, die für den Rückfall verantwortlich sind, waren in den meisten Fällen bereits bei der Erstdiagnose vorhanden. Sie haben die Chemotherapie schadlos überlebt und konnten sich – nachdem die anderen Krebszellen ausgeschaltet waren – ohne Konkurrenzdruck entfalten.

Dabei gab es mehr als einen Weg zum Überleben. Bei manchen Patienten wurde der Rückfall von Krebszellen ausgelöst, die noch stark den unreifen Stammzellen des Knochenmarks ähnelten. In anderen Patienten waren eher Vorläuferzellen beteiligt: Diese sind in ihrer Entwicklungsfähigkeit eingeschränkt, konnten sich aber immer noch unbegrenzt vermehren. Es gibt also nicht nur einen Schuldigen, sondern gleich zwei.

Und die Therapie?

Die Krebszellen durchlaufen bei AML eine Art Evolution, bei der die Gefahr von verschiedenen Entwicklungsstadien ausgeht. Die Konsequenz ist wenig erfreulich: Wenn unterschiedliche Mechanismen zum Rückfall beitragen, muss wohl auch die Heilung auf unterschiedlichem Weg erfolgen. Damit verdoppelt sich der Aufwand, der in die Entwicklung neuer Therapien gesteckt werden muss.

Auf dem Weg zu einer Therapie sind diese Erkenntnisse nur ein erster, kleiner Schritt. Tatsächlich wirft fast jede neue Studie mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Anfangs glaubten viele Forscher, dass die Hierarchie eindeutig festgelegt ist: Aus Tumor-Stammzellen wurden reifere Krebszellen, aber niemals umgekehrt. Doch viele Krebsarten besitzen eine hohe Flexibilität; wenn die Umstände es erlauben, verwandeln sie sich auch reife Krebszellen in Stammzellen zurück. Ein Verhalten, dass Stammzellen auch in manchen gesunden Geweben zeigen.

Für Patienten mit AML wird sich vorerst wenig ändern. Möglich, dass die Behandlung nun besser eingestellt und der Krebs gezielter überwacht werden kann. Doch eine wirksame Therapie liegt weiterhin in ferner Zukunft: Konkrete Ansatzpunkte, wie den Tumor-Stammzellen beizukommen ist, hat auch diese Studie nicht liefern können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.