22. Apr 2015

Lücke im Gesetz: Klonen von Menschen nicht verboten

Die deutschen Gesetze sind überholt: Das Klonen von Menschen könnte ungestraft bleiben, da künstliche Stammzellen eine Hintertür offen lassen.

Das nennt man wohl Ironie des Schicksals: Da hat man sich in Deutschland lange über embryonale Stammzellen gestritten und Gesetze erlassen, die zu den schärfsten der Welt gehören. Doch Menschen könnte man ungestraft klonen. Ein Möchtegern-Frankenstein muss nur den Umweg über Stammzellen nehmen, die durch Reprogrammierung im Labor entstehen. Deren Eigenschaften hebeln alle juristischen Definitionen aus.

Das ist nicht neu und war auch allen bewusst, die sich tiefer mit diesem Thema beschäftigt haben. Aber eine Analyse in der Zeitschrift „Medizinrecht“ hat dies kürzlich schön auf den Punkt gebracht. Peter Dabrock und seine Mitarbeiter an der Universität Erlangen benutzten dabei wiederholt ein treffendes Wort – absurd.

Doch erst einmal kurz zu den induzierten pluripotenten Stamm-(iPS-)Zellen – denn um die geht es hier. Sie entstehen im Labor durch die Reprogrammierung von Gewebezellen, die etwa aus der Haut von Erwachsenen entnommen werden. iPS-Zellen haben ähnliche Eigenschaften wie die embryonalen Stammzellen: Sie sind pluripotent, können also jede Zelle des menschlichen Körpers erzeugen.

Ein Problem der Definitionen
Nur eine Form von Stammzellen ist noch potenter, sprich totipotent – befruchtete Eizellen und deren erste Teilungsformen. Diese können neben Körperzellen auch die Plazenta bilden und so im Mutterleib überleben. Und damit auch zu einem ganzen Menschen werden.

Nun besteht aber zumindest theoretisch die Möglichkeit, dass auch iPS-Zellen totipotent sind (keiner hat das je beobachtet, aber auch keiner je ausgeschlossen). Anders gesagt: iPS-Zellen könnten das Klonen von Menschen ermöglichen. Totipotente Zellen sollten eigentlich unter das Embryonenschutzgesetz fallen und besonderen Schutz genießen. Doch die Formulierung des Gesetzes ist unglücklich, da es nur „jede einem Embryo entnommene totipotente Zelle“ mit dem Embryo gleichgesetzt. Das Problem ist offenkundig: Die iPS-Zelle stammt nicht aus einem Embryo, ist deswegen auch nicht geschützt. Das ach so strenge Embryonenschutzgesetz greift hier einfach nicht.

Ob iPS-Zellen totipotent sind oder nicht, darüber lässt sich spekulieren. Letztlich bleibt das aber graue Theorie. Sehr real und vielfach erprobt ist hingegen eine andere Möglichkeit zum Klonen – die tetraploide Komplementierung.

Klonen auf Umwegen
Dabei werden iPS-Zellen mit anderen künstlich hergestellten Zellen vermischt, den besagten tetraploiden Zellen. Der Clou: Aus den iPS-Zellen entsteht der Körper, aus den tetraploiden Zellen die Plazenta. Ein entwicklungsfähiger Embryo also.

Das Embryonenschutzgesetz formuliert hier scheinbar eindeutig: „Wer künstlich bewirkt, dass ein menschlicher Embryo mit der gleichen Erbinformation wie ein anderer Embryo, ein Fötus, ein Mensch oder ein Verstorbener entsteht, wird […] bestraft.“ Aber auch hier gibt es wieder ein Problem mit einer Definition, und zwar der des Embryos: Er muss aus einer befruchteten Eizelle entstehen. Und so greift das Gesetz schon wieder nicht, denn eine Eizelle ist bei der tetraploiden Komplementierung in keinem Stadium beteiligt.

Wer sich sehr für dieses Thema interessiert und ein etwas Juristen-Deutsch nicht scheut, sollte sich den zweiten Teil der Analyse von Dabrock und Co nicht entgehen lassen: Er zeigt detail- und kenntnisreich auf, dass viele scheinbare Lösungen dieses juristischen Problems ins Leere laufen. Oder Folgen haben, die absurd sind.

Skandal, oder doch eher Komödie?
Doch für diese Blogpost führt das zu weit. Denn auch wenn die FAZ Versagen und Skandale wittert – ich finde diese Geschichte eher erheiternd als dramatisch. Und gefährlich schon gar nicht.

Erstens glaube ich nicht, dass irgendein deutscher Wissenschaftler auf die Idee kommt, Menschen zu klonen. Damit würde er mit ziemlicher Sicherheit seine Karriere abrupt in den Sand setzen, und gewonnen hätte er auch ansonsten nichts. Höchstens wenn er kriminell und größenwahnsinnig ist – aber dann juckt ihn auch das Embryonenschutzgesetz wenig.

Zweitens wird die Gesetzgebung der Forschung immer hinterherhecheln. Es braucht Jahre, bis ein neues Gesetz endlich den ganzen Apparat durchlaufen hat, während ein einziges gelungenes Experiment die schönsten juristischen Wortspiele sofort wieder wertlos machen kann. Das ist wie mit dem Hasen und dem Igel – hektisches Hinterherlaufen hilft da wenig.

Eine Neufassung des Embryonenschutzgesetzes wird auf sich warten lassen, und das ist auch kein Skandal. Wichtiger ist, dass der gesellschaftliche Konsens hält. Solange jeder Forscher, der mit dem Klonen von Menschen liebäugelt, mit beruflicher und sozialer Ächtung rechnen muss, wird er seinem Vorhaben wohlweislich ablassen. Das ist noch immer der beste Schutz.

Quellen:
Schickl et al., Medizinrecht, Dezember 2014 Jahr: Abweg Totipotenz

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