26. Jan 2017

Nobelpreisträger über Stammzelltherapien: Nur (?) bei 10 Krankheiten sinnvoll

Der Nobelpreisträger Shinya Yamanaka definiert realistische Ziele für die Stammzelltherapie: Bei etwa zehn Krankheiten sieht er Aussicht auf Erfolg. Ist das viel oder wenig?

Vor ein paar Jahren war der Hype fast grenzenlos: Stammzelltherapien sollten ungezählte Krankheiten heilen, hunderte Millionen Menschen von ihnen profitieren. Davon ist heute nur noch wenig zu hören, und nun bringt Shinya Yamanaka – Nobelpreisträger, Entdecker der iPS-Zellen, und ein Mann der klaren Worte – das Feld endgültig auf den Boden zurück.

In einem Interview mit der New York Times zählt er Krankheiten auf, bei denen Stammzelltherapien sinnvoll sein könnten. Das sind weit weniger, als die anfängliche Euphorie uns glauben machen wollte, aber dennoch – die Liste hat es in sich.

Pessimistisch gibt sich Yamanaka bei Krankheiten, die unterschiedliche Zelltypen in komplexen Geweben betreffen – die Stammzelltherapie stieße hier an ihre Grenzen. Wenn jedoch nur ein einzelner Zelltyp geschädigt ist, sieht er Grund zur Hoffnung: Etwa zehn Erkrankungen fallen in diese Kategorie.

1. Bluterkrankungen und 2. seltene Stoffwechselerkrankungen

Das Offenkundige vorweg: Alle Erkrankungen, die sich heute schon mit Stammzellen aus dem Knochenmark oder dem Nabelschnurblut behandeln lassen. Das sind angeborene Immunschwächen und Anämien, Blutkrebs, und einige seltene Stoffwechselerkrankungen (letztere hat Yamanaka nicht ausdrücklich erwähnt, gehören aber dazu).

Diese Therapien sind längst etabliert, ändern könnte sich jedoch die Quelle: Wo Patienten heute noch auf einen passenden Spender hoffen müssen, sollen große Stammzellbanken (Stichwort iPS-Zellen und Nabelschnurblut) schnell und zuverlässig den Bedarf decken. Ein großer Engpass wäre damit beseitigt, zigtausende Menschen würden profitieren.

3. Diabetes

Typ-I-Diabetes ist schon lange kein Todesurteil mehr. Die Injektion von Insulin ermöglicht ein gutes Leben, ist aber lästig und wird oft nicht mit der notwendigen Disziplin verfolgt. Langfristig haben Diabetiker immer noch ein erhöhtes Risiko, an diversen Spätfolgen zu erkranken.

Die Funktion der Bauchspeicheldrüse durch Stammzellen zu regenerieren – an diesem Traum arbeiten viele Gruppen weltweit. Und die US-Firma ViaCyte steckt bereits mitten in der ersten Studie.

4. Querschnittslähmung und 5. Gelenke

Keine Therapie gibt es hingegen für die Querschnittslähmung. Vor sieben Jahren startete die erste embryonale Stammzelltherapie, und glaubt man dem Hersteller Asterias, haben die Patienten zuletzt spürbar davon profitiert. Eindeutig ein Gebiet mit großem Potenzial.

Wenig spektakulär ist im Vergleich dazu die Regeneration von überlasteten Gelenken, zumal es hier Alternativen gibt. Der Markt ist dementsprechend schwierig: Eine kommerzielle Stammzelltherapie wurde kürzlich zurückgezogen, weil zu wenige Patienten sich für sie interessierten.

Erblindung durch Schäden an der 6. Netzhaut oder 7. Hornhaut

Große Hoffnungen hingegen liegen auf der Therapie von Augenerkranken. Millionen von Menschen verlieren ihr Augenlicht durch die Makuladegeneration, und bis heute können Ärzte fast nichts dagegen tun. Eine ganze Reihe von Studien nutzen embryonale Stammzellen, um die Degeneration der Augennetzhaut zu verhindern. Auch der erste Mensch, der mit iPS-Zellen behandelt wurde, gehört dazu.

Ähnliches gilt für Schädigungen der Hornhaut. Holoclar, die erste kommerzielle Stammzelltherapie Europas, setzt hier an – auch wenn nur wenige Menschen davon profitieren.

8. Parkinson

Etwas aus der Reihe schlägt Parkinson – gehört es doch eindeutig zu den komplexen Krankheiten, bei der viele unterschiedliche Zelltypen betroffen sind. Aber viele der Symptome hängen wohl doch mit einzigem Zelltyp zusammen, den dopaminergen Neuronen. Erste Studien mit fetalen Zellen zeigten in Einzelfällen eindrucksvolle Erfolge – insgesamt aber vor allem die Risiken und Probleme von neuronalen Stammzelltherapien. Doch Betroffenen haben noch immer kaum Alternativen: Stammzelltherapien könnten hier eine große Lücke füllen.

9. Herz- und 10. Leberschwächen

Herz und Kreislauf – ein riesiger Markt mit unzähligen Produkten. Doch deren Wirkung bleibt begrenzt, im besten Falle verhindern die Medikamente, das alles noch schlimmer wird. Ein angegriffenes Herz können sie nicht wieder auf Vordermann bringen.

Viele Studien nutzen schon Stammzellen für die Behandlung von Herzschwächen und Infarkten, die Erfolge halten sich allerdings bislang stark in Grenzen. Ein Durchbruch wäre allerdings eine Sensation: Fast jeder Mensch – sofern er alt genug wird – kann davon profitieren.

Yamanaka nennt auch Lebererkrankungen, aber hier mir ist nicht ganz klar, was genau er meint. Vielleicht den chronischen Mangel an Spendern? Wenn einige Transplantationen durch Stammzelltherapien überflüssig würden, wäre das gewiss auch ein großer Fortschritt.

10 klingt wenig, ist aber viel

Nochmal zur einleitenden Frage: Es gibt tausende von Krankheiten, aber Yamanaka nennt nur zehn – ist das viel oder wenig? Wem der große Hype um die angeblichen Wundertherapien noch in den Ohren klingt, wird natürlich enttäuscht sein.

Doch das Potenzial ist immer noch gewaltig. Wer an Herzschwäche, Erblindung oder Parkinson leidet, hat heute nur begrenzte Optionen. Sollten sich Stammzelltherapien bewähren – und sei es nur bei einer dieser Krankheiten – wäre Millionen von Menschen geholfen.

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