1. Nov 2016

Nur 115 Jahre – die Grenzen unseres Körpers

Menschen werden kaum älter als 115 Jahre, dann scheinen sie an eine natürliche Grenze zu stoßen. Selbst wenn wir nicht länger leben können – länger gesund leben scheint immer noch ein realistisches Ziel.

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Statistischer Ausreißer? Jeanne Calmen erreichte ein Alter von 122 Jahren. Auf diesem Foto ist sie 20 Jahre alt – es stammt aus dem Jahr 1895. Quelle: Bildoj / Wikimedia

Im Jahr 1900 hatte ein Neugeborenes in Deutschland etwa 50 Lebensjahre vor sich, heute sind es bereits um die 80. Ein Erfolg, an dem die Medizin großen Anteil hat. Neuartige Therapien könnten diesen Trend verstärken – manche Wissenschaftler hoffen sogar auf 150 Lebensjahre oder mehr.

US-amerikanische Forscher haben dieser Hoffnung einen Dämpfer verpasst. Das menschliche Leben lässt sich nicht so einfach verlängern, sagt zumindest ihre statistische Analyse. Die Natur scheint eine Obergrenze zu setzen – und die liegt bei etwa 115 Jahren.

Sollen wir nun die Forschung über das Altern einstellen – wegen mangelnder Aussicht auf zählbare Ergebnisse? Mit Sicherheit nicht. Unsere Lebensdauer mag begrenzt sein, aber bei unserer Gesundheit ist noch Luft nach oben, auch im hohen Alter.

115 Jahre – und der Trend schwächt sich ab

Doch erst mal zu den Daten. Jan Vijg und zwei Mitarbeiter vom Albert Einstein College in New York haben sich angeschaut, wie sich die Bevölkerung in 41 Ländern entwickelt hat. Sie hatten dabei vor allem Industriestaaten im Fokus, die verlässliche Statistiken über ihre Bevölkerung bereit stellen. Der Zeitraum erstreckte sich von ungefähr 1900 (wo möglich) bis in die heutige Zeit.

Die Forscher überprüften folgende Hypothese: Falls es keine (!) Obergrenze für die Lebensdauer gibt, müsste sich dies in den Statistiken bemerkbar machen. Die Lebenserwartung sollte dann bei älteren Menschen überproportional steigen, da die Medizin sich heute stärker der Behandlung von Alterskrankheiten widmet (die Kindersterblichkeit ist zumindest in den Industriestaaten nur noch das kleinere Problem).

Die Forscher fanden allerdings etwas anderes: Die Lebenserwartung älterer Menschen scheint zu stagnieren, in 38 der 41 Länder hat sie bereits in den 1980er Jahren ein Plateau erreicht. Laut Vijg ein starker Hinweis – wenn auch kein eindeutiger Beweis – auf eine Obergrenze für die menschliche Lebensdauer.

Diese Interpretation stößt jedoch auf Kritik. James Vaupel, Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, wirft der Studie mangelhafte Methodik und eine selektive Nutzung der Daten vor. In Japan, Frankreich und Italien – wo auffällig viele langlebige Menschen zu Hause sind – steigt die Lebenserwartung auch bei älteren Menschen weiterhin an. Vijg will hier nicht widersprechen, weist aber darauf hin, dass auch in diesen Ländern der Anstieg an Fahrt verliert und auf ein Plateau zuläuft.

Mit 115 Jahren ist meist Schluss

Es gibt noch eine zweite Beobachtung, die laut Vijg auf eine Obergrenze hindeutet. Seit 1992, als die 122-jährige Französin Jeanne Calment starb, erreicht in den 41 Ländern kein Mensch mehr ein Alter, das merklich über 115 Jahren lag. Hier scheint also eine natürliche Barriere zu bestehen, und das Alter von Jeanne Calment war gemäß dieser Hypothese ein statistischer Ausreißer, dessen Wiederholung äußerst unwahrscheinlich ist.

Allerdings beruht diese Aussage auf einer – naturgemäß – sehr dünnen Datenlage. Ein ähnlicher Trend lässt sich zwar auch bei den zweit- bis fünftältesten Verstorbenen jeden Jahres nachweisen, aber statistisch belastbar sind diese Daten nur bedingt. Ein einziger weiterer „Ausreißer“, und die Hypothese beginnt bedenklich zu wackeln.

Doch lassen wir mal die Zweifel beiseite und gehen davon aus, dass Vijg recht hat: Wie kommt diese Obergrenze zustande? Gibt es ein genetisches Programm, eine Art innere Zeitbombe, die unnachgiebig tickt und uns mit 115 Jahren ins Grab befördert?

Genetische Zeitbombe – oder einfach nur Verschleiß?

Das scheint unwahrscheinlich. Es ist nur schwer zu sehen, wie die Evolution ein solches Programm hervorbringen könnte: Ihre Selektion greift vor allem bei den zahlreichen jungen Individuen, und nicht im Alter, wenn die Population naturgemäß deutlich kleiner ist.

Die Natur bevorzugt es offenkundig, dass ein Mensch über die maximalen Ressourcen verfügt, wenn er jung und fortpflanzungsfähig ist. Lässt die Fruchtbarkeit nach – also spätestens im vierten Lebensjahrzehnt – machen sich Schäden und Verschleiß bemerkbar, die kaum noch repariert werden können.

Von einer genetisch programmierten Zeitbombe kann hier nicht die Rede sein. Der US-Forscher S. Jay Olshansky bemüht hier das Bild eines Sprinters: Kein Mensch wird jemals die 100 Meter deutlich schneller als Usain Bolt laufen. Nicht, weil ein genetisches Programm ihn daran hindert, sondern weil der menschliche Körper schlichtweg nicht für Sprints gemacht ist. Und – so scheint es – auch nicht für ein unbegrenztes Leben.

Utopien – aber auch konkrete Ideen für ein längeres Leben

Natürlich bleibt noch die Hoffnung auf Fortschritte in der Medizin. An der Utopie des unbegrenzten Lebens wird eifrig geforscht: Die Manipulation von Genen, die eine Alterung verhindern, oder die Entfernung von seneszenten Zellen zum Beispiel. Durchaus seriöse Forscher haben kürzlich eine Wette abgeschlossen, ob der erste Mensch, der 150 Jahre lebt, nicht vielleicht schon geboren ist.

Realistischer erscheint jedoch ein anderes Ziel: Nicht die Altersgrenze verschieben, sondern möglichst lange noch gesund und lebensfroh bleiben. Viele Eingriffe sind bei Tieren schon erfolgreich, und Experten sehen den Zeitpunkt gekommen, diese Erfahrung auf den Menschen zu übertragen.

Die Forscher (unter ihnen auch Vijg) stellten im letzten Jahr einen Katalog von Eingriffen auf, die nun vorsichtig am Menschen getestet werden sollen. Dazu gehören die Reduktion der Kalorienaufnahme und die Manipulation von zellulären Signalwege über IGF-1, mTOR oder Sirtuine. Noch dieses Jahr könnte eine erste Studie starten: 3000 Teilnehmern soll das Diabetes-Medikament Metformin testen, dem ein positive Wirkung auf altersbedingte Krankheiten zugesprochen wird.

Auch wenn 150 Lebensjahre vielleicht immer Utopie bleiben werden – ein Alter, das weniger von schweren Leiden beeinträchtigt wird, könnte durchaus in Reichweite liegen.

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