8. Jul 2016

Stammzellen: Forscher sollen Hype vermeiden

Die Öffentlichkeit erwartet zu viel von Stammzelltherapien, und daran sind auch die Forscher schuld – sagt eine einflussreiche Stammzellorganisation. Sie sollten etwa besser erklären, wozu eine klinische Studie gut ist.

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Appell an Stammzellforscher: Nicht zu laut ins Horn blasen. Sagt zumindest die ISSCR, eine einflussreiche Stammzellorganisation. Quelle: U.S. National Archives and Records Administration

Ich schreibe viel über Stammzelltherapien, und da bekomme ich öfters Anfragen in der Art: „Ich habe die und die Krankheit, welche Klinik kann mich heilen?“ Diese Klinik gibt es in der Regel nicht, und eine Therapie für die besagte Krankheit kommt bestenfalls in einigen Jahren. Offenkundig hegen viele Leute Hoffnungen in die Stammzellmedizin, die fernab jeder Realität sind. Wer ist Schuld daran?

Der erste Reflex ist natürlich: Die Medien sind schuld. In gewissem Sinne stimmt das auch, wie kürzlich eine Analyse von Zeitungsartikeln gezeigt hat. Zwei Drittel der Artikel implizierten, dass sich die Versprechen der Stammzelltherapien schon in den nächsten fünf bis zehn Jahren verwirklichen – ein deutlich zu optimistischer Zeitrahmen.

Doch woher kommen diese Schätzungen? In der Regel von den Wissenschaftlern.

Wissenschaftler als Teil des Problems

Forscher müssen aufpassen, was sie sagen. Das ist nicht neu, nun aber auch erstmals von der größten internationale Stammzellorganisation eindeutig formuliert. Die International Society for Stem Cell Research (ISSCR), die über 4000 Forscher aus 60 Ländern als Mitglieder zählt, hat jüngst einen Leitfaden veröffentlicht, in dem auch dem Thema Hype und Stammzellen ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Darin finden sich klare Empfehlungen: Übertreibungen meiden, Risiken klar darstellen, Hürden benennen.

Weniger offenkundig ist ein Aspekt, der oft für Missverständnisse sorgt: die Rolle einer klinischen Studie. Deren eigentliches Ziel ist es, der Wissenschaft neue Erkenntnisse zu verschaffen – das Wohl des Patienten ist hier nur zweitrangig. Eine klinische Studie ist ein Experiment, keine Therapie.

Experimente am Menschen

Dies gilt vor allem für Stammzelltherapien. Die größten Hoffnungen hängen hier an Studien, die fast alle noch am Beginn der Entwicklung sind – also Phase I/II. Im Mittelpunkt steht die Sicherheit – schadet der Eingriff dem Patienten auch nicht? In zweiter Linie geht es auch ein bisschen um Wirksamkeit, allerdings sind die Studien selten groß genug, um hierzu wirklich belastbare Aussagen zu machen.

Für jemanden, der sich um seine eigene Gesundheit sorgt, sind die im Grunde ohne jeden Belang. Sie werden seine nähere und mittelfristige Zukunft nicht betreffen. Und falls seine Krankheit schwerwiegend ist, wird er sogar eher sterben bevor die Therapie allen zugänglich wird. Einmal ganz davon abgesehen, dass sie – statistisch gesehen – letztendlich auch in neun von zehn Fällen scheitern wird.

Ehrlichkeit als Zumutung

Es ist natürlich eine Zumutung für die Forscher, dies so klar darzustellen – schließlich handelt es sich um ihr Lebenswerk, und sie dürfen (und müssen) vom Erfolg überzeugt sein. Es ist auch eine Zumutung für die Journalisten, die letztlich mit Vorsatz ihre eigene Geschichte beschädigen müssen. Aber wenn beide langfristig glaubwürdig sein wollen, bleibt keine andere Option, als das Offenkundige auch zu formulieren: Experimente taugen nur bedingt als Anlass für Hoffnungen.

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