1. Jul 2017

Stammzelltherapie für Altersblindheit – Geschichten von Fortschritt und Betrug

In Zukunft könnten Stammzellen die altersbedingte Makuladegeneration stoppen, und eine Fallstudie gibt dieser Hoffnung neue Nahrung. Doch die Gegenwart wird von Scharlatanen bestimmt – mindestens drei ihrer Opfer beklagen nun den Verlust des Augenlichts.

Altersbedingte Makuladegeneration – wie ein Betroffener die Welt sieht. Quelle: National Eye Institute

Die Medizin kommt oft so langsam voran, dass Patienten die Geduld verlieren und den Versprechen dubioser Kliniken erliegen. In der Regel zu ihrem eigenen Schaden. Zwei Fachartikel, zeitgleich in einem angesehenen Journal erschienen, liefern dazu bestes Anschauungsmaterial.

Beide Artikel drehen sich um die altersbedingte Makuladegeneration (AMD), häufigste Ursache für Erblindung im Alter. Für Ärzte bleibt die AMD eine Herausforderung: Die „trockene“ Variante kann gar nicht behandelt, das Fortschreiten der „feuchten“ Form nur mit großem Aufwand gestoppt werden. Eine Forschergruppe aus Japan und eine kommerzielle Klinik in Florida haben sich jeweils an der Therapie von AMD-Patienten versucht – doch damit hören die Gemeinsamkeiten schon auf.

iPS-Zellen für das Auge

Die gute Nachricht zuerst: In Japan entwickeln Forscher eine innovative Therapie mit großem Potenzial, und ihre Arbeit ist ein Lehrbeispiel für offene und verantwortungsvolle Forschung. Aufbauend auf den Arbeiten des Nobelpreisträgers Shinya Yamanaka (der auch als Mitautor gelistet ist) erzeugten sie künstliche Stammzellen aus der Haut einer AMD-Patientin. Aus diesen induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS-Zellen) entstanden in einem aufwändigem Prozess spezialisierte Zellen, die für die Versorgung der Netzhaut im Auge zuständig sind. Diese Zellen des retinalen Pigmentepithels (RPE-Zellen) setzten die Forscher der 77-jährigen Patientin in das Auge ein.

Die Fallstudie wurde in diesem Frühjahr im renommierten New England Journal of Medicine veröffentlicht. Und im Rahmen des Möglichen war sie ein voller Erfolg: Das Transplantat blieb über zwei Jahre im Auge erhalten, es traten keine schwere Komplikation auf, und die Gabe zusätzlicher Medikamente wurde überflüssig. Die Sehfähigkeit der Patientin hat sich zwar nicht verbessert, aber auch nicht verschlechtert – das bestmögliche Ergebnis angesichts der Tatsache, dass die Erblindung in den Jahren zuvor stetig voran schritt.

Eigentlich sollte noch ein weiterer Patient behandelt werden, aber dessen iPS-Zellen erwiesen sich als problematisch: In ihrem Erbgut hatten sich Mutationen eingeschlichen, deren Auswirkungen schwer abzusehen waren. Der Versuch – und mit ihm die ganze Studie – wurde daher vorsichtshalber abgebrochen.

Langsamer Fortschritt, schnelle Versprechen

In diesem Jahr soll die Studie nun wieder aufgenommen werden. Mit einer entscheidenden Änderung: Die iPS-Zellen werden nicht mehr vom Patienten selber stammen, sondern von einer Zellbank geliefert, die Yamanaka eigens zu diesem Zweck aufgebaut hat. Das soll Kosten sparen und den Zeitaufwand verringern – die Versuche werden dadurch hoffentlich auch schneller voran kommen.

Das ist auch dringend nötig, wie der bisherige Verlauf der Studie zeigt. Der Beginn datiert auf den August 2013, im September 2014 wurde die erste Patientin behandelt, im Juni 2015 die Behandlung des zweiten Patienten abgebrochen, und seitdem lag die Studie auf Eis. Vier Jahre Laufzeit also, und nur ein einziger Test durchgeführt.

Dieses Tempo ist natürlich frustrierend, und bei der AMD ein besonderes Problem. Fast alle Patienten befinden sich in einem fortgeschrittenen Alter, und ihnen fehlt die Zeit, noch viele Jahre geduldig auf das Ende der aktuellen Studien zu warten. Dies ist die Chance von dubiosen Kliniken, die unerprobte Therapien anbieten – gegen Bezahlung versteht sich. Eine dieser Kliniken sitzt im US-amerikanischen Altersparadies Florida, und ihre Therapieversuche erwiesen sich nicht nur als nutzlos, sondern als geradezu gefährlich.

Schwere Augenschäden in einer kommerziellen Klinik

Diese Klinik hatte es sich sehr einfach gemacht: Statt wie in Japan aufwändig das passende Gewebe zu züchten, haben Ärzte Fettgewebe der Betroffenen abgesaugt, mit paar einfachen Schritten daraus Zellen isoliert, diese als „Stammzellen“ deklariert und den Patienten in beide Augen injiziert. Bei mindestens drei Betroffenen waren die Folgen dramatisch.

Der Zustand der Augen verschlechterte sich innerhalb weniger Tage so rapide, dass die Patienten in einer (seriösen!) Augenklinik vorstellig wurden. Was die Ärzte dort sahen, steht im zweiten Artikel der Fachzeitschrift: schwere Entzündungsreaktionen mit Blutungen, das Ablösen der Netzhaut und eine Verschiebung der Linse. Die Patienten haben 5 000 US-Dollar an die dubiose Klinik gezahlt, doch ihre Sehfähigkeit hat sich am Ende deutlich verschlechtert. Die Bilanz nach einem Jahr: Eine der Patientinnen ist vollkommen erblindet, die anderen erkennen kaum mehr als die Bewegung einer Hand vor ihrem Gesicht.

Die USA als Risikoland

Die Klinik kam zwar vor Gericht, konnte aber alle Fälle mit Geldzahlungen bereinigen – ihre Existenz war nie in Gefahr. Die USA entwickeln sich damit immer mehr zu einem Risikoland. 570 Kliniken bieten landesweit Dienste mit Stammzellen an, viele davon wohl eher fragwürdiger Natur. Jüngste Entwicklungen werden das Problem wohl noch verschärfen: Ab September garantiert ein Gesetz in Texas diesen Kliniken großen Freiraum.

Damit ist auch klar, dass dieses Problem nicht so schnell verschwinden wird. Seriöse Forschergruppen haben große Hoffnungen geweckt, die sie mit ihren iPS-Zellen und embryonalen Stammzellen aber erst in vielen Jahren befriedigen können. Nutznießer sind dubiose Kliniken, die fragwürdige Zellpräparationen an ahnungslosen Patienten ausprobieren – sie werden sich noch lange über ein stabiles Einkommen freuen können.

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