27. Aug 2014

Typ-I-Diabetes: Test einer embryonalen Stammzelltherapie genehmigt

Embryonale Stammzellen sollen Typ-I-Diabetes behandeln und die regelmäßige Gabe von Insulin weitgehend überflüssig machen. Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde genehmigte nun erste Tests am Menschen.

Der Ansatz ist innovativ: Stammzellen werden in einer Kapsel verpackt, unter die Haut implantiert und übernehmen die Kontrolle des Blutzuckerspiegels. Doch Typ-I-Diabetes gehört zu den Krankheiten, die bereits jetzt sehr gut behandelbar sind – es bleibt abzuwarten, ob eine embryonale Stammzelltherapie da zusätzlichen Vorteile bieten kann.

Das menschliche Immunsystem wendet sich manchmal gegen den eigenen Körper. Wenn dabei die Bauchspeicheldrüse angegriffen wird, kann Typ-I-Diabetes die Folge sein. Die Erkrankung lässt sich zwar gut mit Insulin behandeln, doch ist dies mit großen Einschränkungen verbunden und auch nicht frei von Risiken.

Eine Alternative ist die Transplantation von Insulin produzierenden ß-Zellen aus der Bauchspeicheldrüse. Doch passende Spender sind selten, nur ein winzigen Bruchteil der Diabetiker können davon profitieren. Embryonale Stammzellen hingegen stellen – zumindest theoretisch – eine unerschöpfliche Quelle von ß-Zellen dar.

Auf dieses Konzept setzt die US-amerikanische Firma ViaCyte, die schon seit Jahren diese Zellen an Mäusen testet. Nun hat auch die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA ihre Zustimmung für erste Tests an Menschen gegeben: In naher Zukunft sollen 40 Typ-I-Diabetiker mit embryonalen Stammzellen behandelt werden.

ViaCyte nutzt embryonale Stammzelllinien, um daraus Vorläuferzellen der menschlichen Bauchspeicheldrüse zu züchten. Die Vorläuferzellen werden in die Patienten transplantiert und entwickeln sich erst im Körper zu reifen ß-Zellen weiter. Diese stellen den Kontakt zum Blutsystem her, messen den Blutzuckerspiegel und produzieren – je nach Bedarf – Insulin. Im Optimalfall wird der Blutzuckerspiegel immer auf den natürlichen Wert eingestellt und die zusätzliche Gabe von Insulin damit überflüssig.

Die Vorläuferzellen werden jedoch nicht direkt in den Körper gespritzt, sondern erst in einer Kapsel verpackt und dann unter die Haut implantiert. Das hat zwei große Vorteile: Erstens sind die Zellen vor den Angriffen des Immunsystems geschützt. Sie können lange überleben, ohne dass eine zusätzliche Gabe von Medikamenten nötig wäre. Und zweitens kann die Kapsel problemlos wieder entfernt werden, so dass bei Komplikationen die Ärzte sofort eingreifen können. Und auch die Entstehung von Krebs ist quasi ausgeschlossen, da die eingekapselten Zellen sich nicht frei im Körper ausbreiten können.

In Tierversuchen hat sich dieser Ansatz bewährt. Schon nach kurzer Zeit war die Kapsel mit den menschlichen Zellen an das Gefäßsystem angeschlossen und konnte den Blutzuckerspiegel von diabetischen Mäusen regulieren. Und die Zellen vergaßen dabei ihre Herkunft nicht: Sie stellten den Blutzuckerspiegel auf den menschlichen Wert ein, obwohl Mäuse eigentlich wesentlich höhere Konzentrationen benötigen.

Trotz aller Vorteile – gibt es wirklich einen Markt für eine embryonale Stammzelltherapie bei Diabetes? Die Therapie mit Insulin ist zwar aufwändig und lästig, aber auch schon viele Jahre lang erprobt und in der Regel sehr sicher. Um sich durchzusetzen, müsste eine embryonale Stammzelltherapie diesen hohen Standard deutlich überbieten, oder aber die Behandlungskosten spürbar senken. Zumindest in absehbarer Zeit scheint es sehr unwahrscheinlich, dass embryonale Zellen eine dieser beiden Hürden meistern können.

Doch einen Effekt wird die Studie von ViaCyte mit Sicherheit haben: Die Akzeptanz von embryonalen Stammzelltherapien wird weiter steigen. Die Verwendung einer Kapsel senkt das Krebsrisiko gegen Null, einer der Hauptängste gegen diese Therapien wird damit der Boden entzogen. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis Therapien mit embryonalen Stammzellen – oder zumindest deren Tests – vollständig akzeptiert werden.


Quellen:

Pressemitteilung ViaCyte, 19. August 2014: ViaCyte, Inc. Announces FDA Acceptance of IND to Commence Clinical Trial of VC-01™ Candidate Cell Replacement Therapy for Type 1 Diabetes

Mehr dazu:

Embryonale Stammzelltherapie: Studien am Menschen

Volker Henn, Telepolis 20. Juli 2014: Embryonale Stammzelltherapie schreitet voran

2 thoughts on “Typ-I-Diabetes: Test einer embryonalen Stammzelltherapie genehmigt

  1. Wie funktioniert das denn dann, dass die Stammzellen als Implantat einerseits die Kontrolle über den Blutzuckerspiegel übernehmen und andererseits sofort wieder entfernt werden können? Breiten sich die Stammzellen denn nicht im Körper aus? Gibt es da keine Interaktion?

    • Nein, die Stammzellen breiten sich nicht im Körper aus. Die Interaktion erfolgt über das Blutsystem: Kleine Adern wachsen in die Kapsel ein und stellen die Verbindung zum Körper her.

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