31. Jul 2018

1271 Genvarianten für die Bildung

Forscher haben Bereiche im Erbgut identifiziert, die bis zu 13 % des Bildungserfolgs erklären könnten. Vorhersagen über einzelne Personen erlaubt dies aber bei weitem nicht.

Quelle: Darryl Leja, National Human Genome Research Institute, National Institutes of Health

Das Wechselspiel zwischen Erbgut und Intelligenz bleibt ein schwieriges Thema. Der eine will nicht akzeptieren, dass der ach so erhabene menschliche Geist an etwas so Profanem wie einer DNA-Sequenz hängt. Ein Anderer hingegen beginnt sofort, von den Möglichkeiten der „sozialen“ Eugenik und dem optimierten Designer-Baby zu träumen.

Doch die Realität ist kompliziert. So kompliziert, dass am Ende wohl beide enttäuscht sein werden.

Wie diese Realität am ehesten aussieht, zeigte nun ein internationales Forscherteam unter dem Schirm des Social Science Genetic Association Consortium (SSGAC). Die Daten von einer Million Teilnehmer flossen in diese Assoziationsstudie ein, und da Intelligenz eine schwer zu definierende Größe ist, basiert sie auf einem weithin akzeptierten Ersatz – der Dauer der formalen Ausbildung. Also Schule, Ausbildung, Studium und ähnliches mehr.

Zudem lagen von allen Teilnehmern genetische Informationen vor: 10 Millionen Varianten im Erbgut, sogenannte single nucleotide polymorphisms (SNPs). Da war es nur noch eine Frage der Statistik, um den Zusammenhang zwischen Erbgut und Bildungserfolg aufzudecken.

Viele Genvarianten, wenig Vorhersagegenauigkeit

Und die Ausbeute war beachtlich: 1271 Varianten im Erbgut überschritten die Schwelle der statistischen Signifikanz. Auffällig war, dass viele der betroffenen Gene im Gehirn von Feten und Neugeborenen aktiv sind. Sie beeinflussen dort die Entwicklung der Nervenzellen und deren Kommunikation untereinander.

Allerdings war der Einfluss der genetischen Varianten sehr bescheiden. Einzeln erklärte jede von ihnen meist kaum mehr als 1 bis 2 Wochen der Bildungsdauer. Bei einem Prozess wohlgemerkt, der ein bis zwei Jahrzehnte dauert. Und selbst in ihrer Gesamtheit erklären alle Varianten nur 3,2 % der Unterschiede, die zwischen Mensch hinsichtlich ihrer Bildungsdauer auftreten.

Um die bescheidene Prognose-Fähigkeit zu verbessern, experimentierten die Forscher mit verschiedenen statistischen Modellen. Als aussagekräftig erwies sich ein polygener Score, der weit über die 1271 Varianten hinausging und auf fast 1 Million SNPs beruhte. Einzeln fallen fast alle SNPs unter die statistische Signifikanzschwelle, aber zusammen erklären sie 11-13 % der populationsweiten Varianz in der Dauer der Ausbildung (bei Europäern wohlgemerkt). Das ist ein beachtlicher Wert, der ungefähr dem Einfluss des verfügbaren Familien-Einkommen oder dem Bildungsstand der Eltern entspricht.

Keine Manipulation

Wenn es um die Analyse größerer Studien geht, kann dieser polygene Score also ein wichtiges Tool sein. Doch für die Vorhersage individueller Leistungen ist das viel zu wenig: Die Zukunftsaussichten eines Kindes kann der Score nicht vorhersagen. Und auch weitere Analysen werden die Aussagekraft des Scores wohl nur wenig erhöhen, glaubt einer der leitenden Autoren dieser Studie. Das Ende der Fahnenstange scheint beinahe erreicht.

Dennoch bestätigt die Studie erneut, dass Intelligenz zu einem erheblichen Anteil erblich ist. Das war zwar schon vorher unstrittig, scheint aber immer noch nicht jedem ins Konzept zu passen. Doch der Umkehrschluss, dass aus dem Erbgut zuverlässige Aussagen über den Bildungserfolg möglich sind, funktioniert halt nicht. Dazu ist das Genom zu komplex und zu wenig verstanden.

Und klar wird auch, dass die intellektuelle Leistungsfähigkeit ist nicht bereits bei der Geburt festgelegt ist. Die Möglichkeiten zur Manipulation bleiben also begrenzt sind: Das super intelligente Designer-Baby wird wohl immer Science Fiction bleiben.

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