15. Apr 2015

23andMe: Gentest-Anbieter entwickelt Ehrgeiz

Vor nicht einmal zwei Jahren geriet der Gentest-Anbieter 23andMe arg unter Beschuss. Doch seitdem geht es wieder steil bergauf: Als krönenden Abschluss gönnen sich die Kalifornier eine eigene Forschungs-Abteilung.

Richard Scheller hat viel erreicht. Als Forscher erhielt er mit den Lasker- und Kavli-Preisen zwei der höchsten Ehrungen, und als langjähriger Kopf der Entwicklung bei Genentech trug er viel dazu bei, den ausgezeichneten Ruf des Biotech-Pioniers zu festigen. Aber Ende 2014 verlor Scheller die Lust, und er zog sich aus Genentech zurück. Er suchte neue Herausforderungen – und fand sie ausgerechnet bei 23andMe.

Eine kritische – aber letztlich kurze – Phase

Ein klares Zeichen für wieder gewonnen Stärke des kalifornischen Gentest-Anbieters. Bereits 2006 erprobte 23andMe ein neues Geschäftsmodell: Die Firma gehörte zu den ersten, die Gentests direkt an einzelne Kunden verkauften. Ein neues Zeitalter der Gesundheits-Vorsorge schien anzubrechen – so jedenfalls der gängige Hype. Doch gut sieben Jahre und 800 000 Kunden später schoss die US-Gesundheitsbehörde FDA plötzlich quer. 23andMe konnte (oder wollte) nicht nachweisen, dass die Tests bestimmten medizinischen Standards genügten. Die FDA unterband daraufhin deren Vermarktung.

Eine schwierige Phase, doch sie war bald überwunden. Im Januar 2015 begannen die Geldquellen reichlich zu sprudeln: Kundendaten wurden für Millionen von Dollar an die Pharma-Industrie verkauft. Ganz vorne in der Schlange stand Genentech (als der Deal publik wurde, hatte Scheller die Firma bereits verlassen).

Auch der Verkauf der Gentests läuft wieder an. In den USA hat die FDA kürzlich einen Test für das seltene Bloom-Syndrom durchgewunken, und weitere könnten bald folgen. Zudem expandierte 23andMe auf andere Märkte: Seit Oktober 2014 sind die Tests in Kanada über das Internet zu beziehen, und seit April 2015 kann man sie auch in Großbritannien kaufen – in der Drogerie um die Ecke.

Zur Belohnung eine eigene Forschung

Mit dem jüngsten Schritt betritt man jedoch Neuland. Nur Gentest-Anbieter und Datenlieferant, das ist 23andMe offenkundig mittlerweile zu wenig – eine eigene Forschungsabteilung soll her. Die Daten der Kunden sind höchst wertvoll: Sie verknüpfen Informationen aus dem Erbgut mit freiwilligen Angaben zur Gesundheit. Richard Scheller soll die Schätze in der Datenbank heben und dabei Hinweise für neue Medikamente oder Therapien zu Tage fördern.

Jetzt ist es natürlich leicht zu mosern: Biotech-Star Scheller hin oder her – will man gegen die immense Konkurrenz von Novartis, Pfizer und Co bestehen, sind ein paar Dutzend Mann Besatzung nicht gerade üppig. Und ob eine Datenbank, in der private Kunden nach Lust und Laune ihre Häkchen setzen, tatsächlich höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, bleibt ebenfalls abzuwarten.

Doch Scheller wird aus seiner Zeit bei Genentech genau wissen, auf was er sich bei 23andMe und ihrer Datenbank einlässt. Aus einem Mangel an anderen Angeboten wird er den Job auch nicht angenommen haben (er wurde auch mit Googles Calico in Verbindung gebracht). Das lässt nur einen Schluss zu – der Mann ist überzeugt von seinem Schritt.

Und da ich mir vor anderthalb Jahren an dieser Stelle eine eklatante Fehleinschätzung erlaubt habe („Wenn 23andMe verschwindet, wird das niemand so recht merken“), bin ich diesmal kleinlaut und still. Nur eines ist offenkundig: 23andMe ist immer für eine Überraschung gut.

Mehr dazu auf wissensschau.de:

Schwierige Zeiten für Gentest-Anbieter im Internet

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