22. Okt 2020

Eingriff in die Keimbahn: Nicht ob, sondern wann erlaubt

Einflussreiche Gesellschaften positionieren sich zur Keimbahntherapie, ethische Einwände werden dabei ausgeklammert. Die Hürden für eine Umsetzung sind aber so hoch, dass sie einem Verbot gleich kommen.

Im Jahr 2018 verkündete der chinesische Wissenschaftler He Jiankui die Geburt der ersten CRISPR-manipulierten Kinder. Die Welt reagierte schockiert. Dies wiederum schockierte He: Er war offenkundig der Überzeugung, dass sein Handeln gegen keinerlei ethischen Normen verstieß.

Dabei war nur wenige Monate zuvor ein Bericht erschienen, der derartige Eingriffe ablehnte. Doch die Formulierungen der US-National Academy of Sciences und der britischen Royal Society waren wohl nicht eindeutig genug. Die Gesellschaften veröffentlichten daher im September eine neue Version, die hoffentlich weniger Raum für kreative Interpretationen lässt.

Ethik scheint nicht mehr diskussionswürdig

Was der neue Bericht allerdings expliziert nicht diskutiert: Ob die Keimbahntherapie – die auch Auswirkungen auf folgende Generationen hat – grundsätzlich ethisch erlaubt ist. Mehr oder weniger unausgesprochen befindet sich man da wohl im Einklang mit dem deutschen Ethikrat, der bereits 2019 klar formulierte: „Aus der ethischen Analyse ergibt sich keine kategorische Unantastbarkeit der menschlichen Keimbahn.“ Der Eingriff in Keimbahn, jahrzehntelang als striktes Tabu behandelt, ist wohl endgültig gefallen.

Doch im Gegensatz zum Ethikrat, der vor allem Vorschläge für eine gesellschaftliche Diskussion unterbreitet, interessiert sich der britisch-amerikanische Bericht eher für die wissenschaftliche Machbarkeit. Er plädiert für einen schrittweisen Weg zur Keimbahntherapie und zählt zentrale Kriterien für die Entwicklung auf. Die haben es allerdings in sich!

Monogen, schwer einschränkend, keine Alternativen

Laut Bericht soll die Keimbahntherapie bei schweren Erbkrankheiten erfolgen, die auf Mutationen in einem einzigen (!) Gen beruhen. Zudem sollen diese Erbkrankheiten mit schweren Behinderungen und hoher Sterblichkeit verbunden sein – expliziert genannt werden Muskeldystrophie, ß-Thalassämie, Mukoviszidose und das Tay-Sachs-Syndrom.

Und selbst bei diesen Krankheiten ist die Keimbahntherapie nur gerechtfertigt, wenn Alternativen wie Präimplantationsdiagnostik und künstliche Befruchtung nicht anwendbar sind. Kurz gesagt: Vater und Mutter tragen je zwei mutierte Gene einer seltenen Erbkrankheit, sind vermutlich gesundheitlich stark eingeschränkt, wollen aber dennoch ein gemeinsames Kind großziehen. Nicht unbedingt eine Situation, die häufig vorkommt!

Nicht ausschalten, sondern exakt umschreiben

Zudem soll der Stand der Technik soweit sein, dass er sichere und fast nebenwirkungsfreie Eingriffe erlaubt. Davon sind wir natürlich noch weit entfernt. Aber der Bericht setzt noch eins drauf: Das fehlerhafte Gen muss in eine Form umgewandelt werden, die in der normalen Bevölkerung weit verbreitet ist. Das reine Ausschalten eines Krankheitsgens – bislang die verbreitetste (Forschungs-)Anwendung von CRISPR/Cas9 – wäre nicht akzeptabel. Bis die Technik diesen Stand erreicht hat, werden noch viele Jahre, eher sogar Jahrzehnte vergehen.

Und dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Forderungskatalog, weitere Hürden machen eine praktische Umsetzung nahezu unmöglich. Laut diesen Vorgaben sollte die Keimbahntherapie noch sehr lange auf sich warten lassen und eine extrem seltene Ausnahme bleiben.

Es liegen nun zwei Berichte vor, die klug abwägen und alles wohl bedenken. Der deutsche Ethikrat und der britisch/amerikanische Bericht haben damit wohl den Rahmen für zukünftige Diskussionen abgesteckt. Rechtlich verbindlich oder gar durchsetzbar sind diese Vorschläge aber nicht. Für einen konstruktiven Diskurs müssen wir also darauf hoffen, dass sich jeder daran hält – und nicht wieder Einzelne die Entwicklung vor sich hertreiben.

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