Erste zugelassene Gentherapie: kein erhöhtes Krebsrisiko

Glybera ist die erste (und einzige) im Westen zugelassene Gentherapie: Ein veränderter Virus schleust ein Enzym-Gen in menschliche Körperzellen ein und heilt so eine seltene Stoffwechselkrankheit. Deutsche Forscher fanden heraus, dass sich der Virus dabei ins menschliche Erbgut einbaut – zum Glück nach dem Zufallsprinzip, das Krebsrisiko wird also nicht wesentlich erhöht.

Im November 2012 wurde erstmals eine Gentherapie in der westlichen Welt zugelassen – und niemand hat es so richtig gemerkt. Dabei galten Gentherapien vor einigen Jahrzehnten noch als große Hoffnung der Medizin und waren immer eine Meldung wert. Doch wenn eine Krankheit den Namen „Lipoproteinlipase-Defizienz (LPLD)“ trägt, ist es auch ziemlich schwer, eine griffige Schlagzeile zu finden.

Dazu kommt, dass diese Erbkrankheit sehr selten ist – sie trifft einen in einer Millionen Menschen – und mit wenig spektakulären Symptomen einhergeht. Den Betroffenen fehlt ein Enzym aus dem Fettstoffwechsel: Sie können Fette aus der Nahrung nicht richtig abbauen und leiden häufiger an schweren Entzündungen der Bauchspeicheldrüse (mit teilweise tödlichen Ausgang).

Die Gentherapie mit Glybera kann diesen Defekt für eine gewisse Zeit korrigieren. Ein Virus – genauer ein adeno-assoziierter Virus – wurde auf zweifache Weise verändert: Ein Teil der viralen Krankheits-Gene wurde entfernt und dafür ein menschliches Enzym-Gen (für eine Lipoproteinlipase) eingefügt. Dieser Virus wird in den Beinmuskel gespritzt, wo er in Muskelzellen eindringt und die Produktion des intakten Enzyms auslöst. Den Patienten geht es bald darauf besser.

Das Problem mit vielen Viren ist, dass sie sich in das Erbgut der menschlichen Zelle einbauen und so Tumore auslösen können. Der adeno-assoziierte Virus soll das aber angeblich nicht tun – so steht es zumindest in den meisten Publikationen. Eine Forschergruppe aus Heidelberg schaute genauer hin und sah etwas anderes: In 25 Proben von fünf Patienten fanden sich Teile des Virus im menschlichen Genom, zwischen 0,7 und 84 Kopien pro Zelle.

Was die Forscher jedoch beruhigte: Der Virus baute sich rein zufällig in das Genom ein, es gab keine bevorzugten Regionen oder gar Gene, die beschädigt werden konnten. Und da das Erbgut einer Zelle sowie tausende Attacken am Tag überstehen muss (UV-Strahlung, Giftstoffe, aggressive Sauerstoff-Verbindungen usw.), fallen 84 Mutationen zusätzlich auch nicht mehr ins Gewicht. Einen Wermutstropfen gab es jedoch. Wenn ich oben vom Genom sprach, meinte ich erst einmal nur das Genom im Zellkern. Im Genom der Mitochondrien (Organellen, die Energie für die Zelle liefern) sieht es anders aus.

Hier fanden die Forscher sogenannte hotspots – Bereiche, in die der Virus bevorzugt integriert. Da aber von Mutationen im mitochondrialen Genom keine Krebsgefahr ausgeht (zumindest habe ich noch von keiner gehört), ist das auch nicht weiter schlimm.

Wie bereits erwähnt, die Studie umfasste fünf Patienten – sonderlich aussagekräftig ist sie also nicht. Aber da wohl auch erst knapp 30 Patienten mit dieser Therapie behandelt wurden, sind größere Studien auch gar nicht möglich. Gegen Ende dieses Jahres soll Glybera für alle europäischen Patienten verfügbar sein – vielleicht berichten sogar die Medien darüber.

Update Mai 2016: Glybera ist ein Flop


Quellen:

Kaeppel et al., Nature Medicine 2013: A largely random AAV integration profile after LPLD gene therapy

Gentherapie: Das stille Comeback einer Hoffnung

Schreibe einen Kommentar

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen