20. Aug 2020

Gentherapie gegen Hämophilie A – Zulassung überraschend verweigert

Roctavian verhindert zuverlässig Blutungen und ermöglicht ein weitgehend normales Leben. Doch eine US-Behörde will erst wissen, wie lange die Wirkung anhält.

Experten, der Hersteller und natürlich die Wall Street – alle gingen von einer Zulassung aus. Schließlich wies die Gentherapie Roctavian gute Studienergebnisse auf, auch die Behörden zeigten sich anfangs wohlwollend. Der Hersteller BioMarin lancierte sogar schon Preisvorstellungen: Bis zu 3 Millionen US-Dollar hätten einen neuen Rekord bedeutet.

Die (vorläufige) Ablehnung kam auch deshalb unerwartet, weil die Ergebnisse der ersten, kleinen Studie so beeindruckend gut waren. Roctavian wurde an 15 Patienten getestet, die an Hämophilie A litten: Ein erblicher Mangel an dem Gerinnungsfaktor VIII, der ein erhebliches Blutungsrisiko mit sich führt. Schlecht heilende Wunden, innere Blutungen und mehrmals wöchentlich eine teure Substitutionstherapie.

13 Patienten jahrelang ohne Blutungen

Für 13 der 15 Patienten, die eine hohe Dosis von Roctavian erhielten, begann kurz nach der Therapie ein neues Leben. Die Anzahl der Blutungsepisoden verringerte sich um über 90 %, keiner musste mehr eine vorbeugende Substitutionstherapie über sich ergehen lassen.

Doch ein Umstand machte Sorgen: Die Menge des eingeschleusten Faktors VIII im Blut begann nach 12–18 Monaten zu sinken, und dieser Trend setzte sich über die nächsten Jahre fort. Nach vier Jahren ist die Wirkung zwar weiterhin ausreichend, aber noch ist nicht absehbar, wie lange das so bleiben wird.

Im Dezember 2017 wurde eine weitere, deutlich größere Studie gestartet. Die ersten Ergebnisse bestätigten die Daten der ersten Studie in weiten Teilen – aber wohl nicht vollständig. Anscheinend ist die Wirkung anfangs etwas schwächer ausgeprägt, zudem scheint der Faktor VIII schneller wieder zu verschwinden.

Wie lange hält die Wirkung

Dieser Umstand hat bei der US-Arzneimittelbehörde FDA offenkundig einen Sinneswandel ausgelöst. Anfang dieses Jahres hatte sie den Antrag auf Zulassung erhalten und bereits einen festen Termin für die Verkündung der Entscheidung zugesagt – den 21. August. Die FDA verzichtete sogar auf die Einberufung eines externen Expertengremiums. Die Aussichten auf eine Zulassung von Roctavian waren – laut vieler Experten – blendend.

Doch am 19. August 2020 zog die Behörde unvermutet eine neue Forderung aus dem Ärmel: Alle Patienten der zweiten, größeren Studie sollten mindestens zwei Jahre lang beobachtet werden. Laut der BioMarin wird diese Frist für den letzten Patienten im November 2021 ablaufen – eine Zulassung wäre damit frühestens Mitte 2022 möglich.

Was ist mit Europa?

Derek Lowe, ein einflussreicher Blogger bei Science Translational Medicine, sieht die Verzögerung positiv. Denn noch weiß die FDA nicht, was sie mit Roctavian eigentlich auf den Markt lässt: Eine andauernde Heilung oder eine kurzfristige Verschnaufpause? Und was passiert mit den Patienten, falls die Wirkung nachlassen sollte? Eine weitere Therapierunde kommt wohl kaum infrage, da das Immunsystem die Genfähre beim zweiten Mal sicherlich attackieren wird. Und ob die Substitutionstherapie wieder aufgenommen werden kann, ist nicht sicher. Mehr Daten und Erfahrungen könnte sich da langfristig bezahlt machen.

Allerdings hat BioMarin noch ein zweites Eisen im Feuer: Die Zulassung wurde auch bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA eingereicht. Und die richtet sich nicht unbedingt nach der FDA, im Gegenteil – sie scheint allgemein aufgeschlossener gegenüber Gentherapien zu sein. Die erste westliche Gentherapie Glybera wurde in Europa zugelassen, nicht in den USA. Ebenso sind Strimvelis und Zynteglo in der EU erhältlich, aber nicht in den USA. Gut möglich also, dass es für Roctavian in diesem Jahr doch noch eine Zulassung gibt.

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