8. Mai 2015

Gentherapie: Schwere Rückschläge für Glybera und Mydicar

Zwei hoch gehandelte Gentherapien stehen auf der Kippe. Neue Zweifel am Nutzen verzögern die Einführung von Glybera, die eine Stoffwechselkrankheit behandeln soll. Und die Herzschwäche-Therapie Mydicar hat in einem wichtigen Test schwer enttäuscht.

Ein Rekordpreis war angepeilt: 1,1 Millionen Euro sollte die Gentherapie Glybera kosten, so forderte es zumindest der Hersteller uniQure. Die Zulassung war bereits sicher, es waren nur noch die Verhandlungen über den Preis offen. Laut uniQure sollten die Kassen dabei sogar Geld sparen: Eine konventionelle Therapie der Erbkrankheit Lipoproteinlipase-Defizienz käme – über die Jahre summiert – deutlich teurer. Doch kurz vor dem Ende wurden die Verhandlungen überraschend vertagt – aufgrund neuer Zweifel am Nutzen und der Sicherheit.

Von Preis-Verhandlungen noch weit entfernt war Mydicar, eine Gentherapie für die Behandlung von Herzschwäche. Allerdings hatte eine Studie vor zwei Jahren große Erwartungen geweckt, welche die amerikanische Gesundheitsbehörde zu teilen schien – sie verlieh Mydicar den Status einer „Durchbruch“-Therapie. Die Aktien des Herstellers Celladon taten prompt einen kräftigen Sprung – nur um jetzt fast 90 % ihres Wertes zu verlieren. Denn eine zweite, größere Studie hat wohl alle Hoffnungen zunichte gemacht. Keines der selbst gesteckten Ziele wurde erreicht.

Glybera und Mydicar wurden beide von kommerziellen Firmen entwickelt. Das ist eher untypisch für das Feld der Gentherapie, das von Anfang an meist durch Forscher an öffentlichen Instituten vorangetrieben wurde. Aber am Ende braucht es anscheinend doch die Industrie, um das Geld für die komplizierten Zulassungs-Studien aufzutreiben. Und wenn dann etwas schief geht, ist das Scheitern umso spektakulärer.

Große Unterschiede in den Krankheiten

Die Geschäftsmodelle der beiden Firmen könnten unterschiedlicher kaum sein. uniQure zielt mit Glybera auf eine Krankheit, die sehr selten ist (in Europa soll es nur etwa 500 Fälle geben), deren Ursachen aber eindeutig im Erbgut liegen. Bei der Lipoproteinlipase-Defizienz fehlt ein Stoffwechselenzym, das für Abbau von fettreicher Nahrung erleichtert. Als Folge leiden die Betroffenen häufig an schweren Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, die im schlimmsten (aber seltenen) Fall zum Tode führen können. Glybera wird in den Oberschenkel gespritzt und bringt Muskelzellen dazu, das fehlende Enzym zu produzieren. In den ersten Studien hatte dies den Patienten eindeutig geholfen.

Bereits vor mehr als zwei Jahren wurde Glybera in der EU zugelassen, doch erst seit kurzem wird konkret über eine Markteinführung verhandelt. Mitten in die Verhandlung platzten schlechte Nachrichten: Die europäische Gesundheitsbehörde hatte neue Daten erhalten, die anscheinend den Nutzen und die Sicherheit von Glybera in Frage stellen. Genaueres drang noch nicht an die Öffentlichkeit, aber die Verhandlungen wurden umgehend ausgesetzt. Es bleibt abzuwarten, ob sie wieder aufgenommen werden.

Mydicar hingegen ist für Patienten mit einer Herzschwäche gedacht – eine sehr häufige Krankheit, deren Ursachen aber nur selten im Erbgut liegen. Bei dieser sogenannten systolischen Herzinsuffizienz lässt die Pumpleistung des Herzens stark nach, und zugleich verringert sich die Aktivität des Enzyms SERCA2a. Die Gentherapie kann den Verlust von SERCA2a in den Herzzellen kompensieren – in der Hoffnung, dass dadurch auch die Pumpleistung wieder ansteigt.

Höhen und Tiefen

Nun wurden die Ergebnisse einer Studie mit 250 Patienten bekannt, die Mydicar mit einem Placebo verglich – die Unterschiede liefen gegen Null. Der Zustand der Herzpatienten besserte sich kaum: Sie mussten fast genauso häufig behandelt oder ins Krankenhaus eingewiesen werden wie zuvor. Auch die Zahl der Todesfälle verringerte sich nicht. Mydicar steht damit vermutlich vor dem Aus.

Deutet sich damit ein Trend an, brechen jetzt schlechte Zeiten für Gentherapien an? Vermutlich nicht: Die Geschichte der Gentherapien ist voller Höhen und Tiefen, das Feld hat bereits viele herbe Rückschläge erlitten – und ist dennoch immer wieder zurückgekommen. Zudem gibt es auch Positives zu berichten, bei der Behandlung der Immunkrankheiten Wiskott-Aldrich-Syndrom und SCID etwa. Die Entwicklung der Gentherapien wird weitergehen, doch die Umsetzung in der Medizin dauert – mal wieder – länger als erhofft.

Update Mai 2016: Glybera ist ein Flop

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