Zwei Gentherapien weniger in Europa

Die Firma Bluebird Bio zieht zwei Gentherapien aus der EU zurück, weil Preisverhandlungen gescheitert sind. Das Kosten-Problem ist altbekannt, eine umfassende Lösung offenkundig noch nicht gefunden.

Bluebird Bio darf seit Juli eine zweite Gentherapie in Europa anbieten – die Freude hält sich allerdings in Grenzen. Stattdessen plant die US-Firma, ihre Gentherapien vom europäischen Markt zurückzuziehen. Die Hoffnung auf satte Profite hatte sich zerschlagen und als kleine, innovative Firma könne man so nicht überleben, hieß es in einer Pressemitteilung.

Geld und Gentherapie, das Problem ist altbekannt. Schon Glybera, die erste zugelassene Gentherapie in der EU, ist daran gescheitert. Sie war mit dem damals schockierendem Preis von fast einer Million Euro auf den Markt gekommen, hatte aber deutliche Defizite bei der Wirksamkeit. Eine Patientin wurde behandelt, danach war Schluss. Die Kassen waren nicht bereit, die Kosten weiterhin zu stemmen.

Hohe Kosten, begrenzter Zusatznutzen

Danach schien es eine Zeitlang besser zu laufen. Die folgenden Gentherapien blieben zwar teuer, die Akzeptanz schien dies aber nicht zu behindern. Im Juni 2019 kam dann die Zulassung von Zynteglo, der ersten Gentherapie von Bluebird Bio. Die Wirksamkeit gegen die Blutarmut ß-Thalassämie war beeindruckend, doch die Preisverhandlungen erwiesen sich als schwierig. Bluebird verlangte knapp 1,6 Millionen Euro, deutsche Krankenkassen wollten aber nur gut die Hälfte zahlen. Anderswo in Europa lief es nicht wesentlich besser, so dass bis Februar 2021 nur ein Patient behandelt wurde.

Im August verkündete Bluebird Bio dann das endgültige Aus, die Firma wolle sich vorerst auf den US-amerikanischen Markt konzentrieren. In der besagten Pressemitteilung bedankt man sich für die Flexibilität der Zulassungsbehörden, beklagt sich aber etwas gewunden über die Kassen: „Die europäischen Kostenträger haben ihr Konzept für die Gentherapie noch nicht so weiterentwickelt, dass sie die Innovation und den erwarteten lebenslangen Nutzen dieser Produkte anerkennen können.“

Bluebird Bio lässt dabei jedoch einen wichtigen Aspekt unter den Tisch fallen: Zynteglo kann zwar die Symptome der ß-Thalassämie weitgehend beseitigen, aber das allein ist kein medizinischer Fortschritt. Die althergebrachte Stammzelltransplantation schafft dies schon seit vielen Jahren: Deren Risiken sind zwar höher, die Kosten allerdings deutlich geringer (in der Größenordnung von 100 000 €). Die europäischen Kassen haben also einen starken Trumpf in der Hinterhand, wenn sie auf ihren Fokus auf die Wirtschaftlichkeit legen.

Neue Finanzierungsmodelle brachten keine Lösung

In den USA sind die Medikamentenpreise allgemein deutlich höher, die Lage ist aber auch komplizierter. In dem zersplittertem US-Gesundheitssystem besteht ebenfalls die Gefahr, dass einige Kassen nicht mitziehen – auch dann blieben viele Patienten außen vor. Das Problem bleibt im Grunde gleich: Die Gentherapie-Firmen benötigen die hohen Preise zum Überleben, die Gesundheitssysteme können die hohen Preise jedoch nicht finanzieren. Die Patienten könnten die Leidtragenden sein.

Wie kommt man aus dieser Sackgasse raus? Schon vor Jahren wurden zwei Konzepte vorgeschlagen, die die Belastung der Kassen senken und gleichzeitig die Innovation der Firmen belohnen soll: Eine Aufteilung der Kosten in Jahresraten und eine Bezahlung, die nach dem Behandlungserfolg gestaffelt ist. Das war wohl auch die Verhandlungsbasis von Zynteglo, aber genutzt hat es offenkundig wenig.

Bluebird Bio will sich nun „geordnet zurückziehen“ und einen Partner suchen, der die Vermarktung der Gentherapien Zynteglo und Skysona in Europa übernimmt. Ob dieser ominöse Partner eine bessere Lösung findet, bleibt abzuwarten.

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