21. Mai 2019

Die Keimbahn des Menschen ist antastbar

Der deutsche Ethikrat will die Keimbahntherapie nicht grundsätzlich und für alle Zeiten ausschließen. Willkommen in der Gegenwart.

Ausschnitt aus einem Flussdiagramm, das die ethische Beurteilung von Keimbahntherapien leiten soll. Quelle: Deutscher Ethikrat

Wer den Begriff „Designer-Baby“ fallen lässt, muss sich auf Empörung und ethische Abwehrreflexe gefasst machen. Kinder nach eigenen Wünschen umzuprogrammieren, ja dies sogar noch für alle folgenden Generationen festzuschreiben – das ist Anmaßung und grenzenlose Überheblichkeit. Da ist sich fast jeder einig.

Doch warum? Eine Begründung fällt spätestens dann schwer, wenn es nicht um dystopische Zukunftsszenarien und größenwahnsinnige Wissenschaftler geht, sondern um tödliche Erbkrankheiten und schreckliches Kinderleid. Wer kann ernsthaft dagegen sein, einem Kind – und seinen Nachfahren – das schwere Schicksal einer Mukoviszidose zu ersparen?

Oft wird an diesem Punkt der Versuch gemacht, eine klare Grenze zu ziehen. Die Heilung von schweren Krankheiten, ja natürlich. Verbesserung der Intelligenz, auf keinen Fall. Doch Grenzen haben nur Bestand, wenn sie auf objektiven und unveränderlichen Fakten beruhen. Bei der Keimbahntherapie wird man diese aber kaum zu finden.

Der Ethikrat und die Keimbahn

Der deutsche Ethikrat hat sich nun dieser Frage angenommen und eine klare Stellungnahme vorgelegt, betitelt „Eingriffe in die menschliche Keimbahn„. Systematisch und detailliert analysiert der Rat die ethischen Aspekte der Keimbahntherapie (also Eingriffe in das Erbgut, die auch Ei- und Samenzellen verändern). Und fällt schließlich das folgende Urteil.

„Aus der ethischen Analyse ergibt sich keine kategorische Unantastbarkeit der menschlichen Keimbahn.“

Auf der einen Seite ist dies nur die Anerkennung der Realität: Lange bevor der chinesische Forscher He am Erbgut zweier Mädchen herumgepfuscht hat, hat eine US-amerikanischer Arzt bereits Teile des Erbguts ausgetauscht. Und letztere Methode – die Spende von Mitochondrien – ist nun in Großbritannien eine offiziell anerkannte Therapieform.

Drei Szenarien, acht Orientierungsmaßstäbe

Doch auch der anderen Seite ist es auch eine mutige Aussage. Der Ethikrat zieht sich nicht auf scheinbar sichere und akzeptierte Moralsätze zurück, er fasst stattdessen möglichst neutral alle relevanten Standpunkte zusammen. In einem emotional derart überfrachteten Debatte (Kinder und Gentechnik in einem Atemzug!) kann allein dies schon Kontroversen auslösen.

Leicht hat es sich der Ethikrat nicht gemacht. Es war ein langwieriger Prozess über 15 Monate, der bereits begann, bevor He mit seinen CRISPR-Kindern für Aufregung sorgte. Und es war ein sehr systematisches Unterfangen, dass ich hier nur sehr grob wiedergeben will (jedem sei jedoch ans Herz gelegt, zumindest die Zusammenfassung zu lesen).

Konkret hat der Ethikrat drei verschiedene Szenarien durchgespielt, die mehr oder weniger in dieser Form auf uns zukommen können. Die Keimbahntherapie käme dabei zum Einsatz für:

  • die Vermeidung erblicher Krankheiten, die von einem einzelnen Gen ausgelöst werden (Beispiel Mukoviszidose)
  • die Reduzierung des Risikos, an einem Leiden zu erkranken (etwa Brustkrebs oder Alzheimer)
  • die Optimierung (Enhancement) bestimmter Eigenschaften und Fähigkeiten (wie der Intelligenz)

Diese drei Szenarien werden gemessen an acht „ethischen Orientierungsmaßstäben“, wie es der Ethikrat nennt. Zu diesen Maßstäben gehören etwa Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde. Systematisch – und auf über 200 Seiten – wird nun der Frage nachgegangen, ob diese drei Szenarien ethisch akzeptabel sind.

Mut zur Unbestimmtheit

Erstaunlich ist, das der Ethikrat für alle drei Szenarien die gleiche Antwort gibt – nämlich gar keine. Oder genauer gesagt: Er räumt ein, dass es sich um sehr komplexe Probleme handelt, die im Einzelfall entschieden werden müssen und sich nicht für Generalisierungen eignen. Für die endgültige Beantwortung muss erstens klar, wie sicher und erfolgversprechend derartige Eingriffe durchgeführt werden können (was heute noch völlig unklar ist). Und zweitens kann die Antwort nur vor dem Hintergrund eines breiten gesellschaftlichen, im optimalen Fall sogar internationalen Konsens erfolgen. Sprich in der Zukunft.

Der Ethikrat bietet dazu einen Weg an, der die Entscheidung erleichtern soll. Eine Art ethisches Flussdiagramm, Entscheidungsbaum genannt (Ausschnitt siehe Abbildung). Manche Tendenzen sind schon heute zu erkennen: Während viele Ratsmitglieder die Behandlung monogener Krankheiten bereits jetzt grundsätzlich unterstützen, bleiben die Vorbehalte gegenüber einem Enhancement sehr hoch. Ganz wertfrei äußert sich der Ethikrat dann doch nicht.

Und er formuliert deutlich, was er nicht will: Tests am Menschen zum heutigen Zeitpunkt. Ein internationales Moratorium (wie auch von vielen Wissenschaftlern gefordert) wird eindeutig befürwortet. Die Forschung soll dennoch weitergehen, mit Zellen im Labor und auch in Tierversuchen – aber möglichst nicht an menschlichen Embryonen.

Hoffnung auf eine konstruktive Diskussion

Der Ethikrat vermeidet es insgesamt, die wissenschaftliche Machbarkeit seiner Szenarien zu bewertet. Das zählt bei den ersten beiden Szenarien zu den Stärken der Analyse, weil es den Fokus auf die ethischen Fragen lenkt und die Argumentation nicht verwischt. Bei der Beurteilung des dritten Szenarios – des Enhancement – halte ich es jedoch für eine Schwäche. Die Diskussion um das Designer-Baby wird von unrealistischen Vorstellungen beherrscht, die eine sachliche Abwägung massiv erschweren.

Dem Ethikrat ist es gelungen, die Diskussion um die Keimbahntherapie auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen, und der Aufruf zu einer sachlichen und vorurteilsfreien Debatte ist uneingeschränkt richtig. Ich drücke dem Rat die Daumen, dass er dieses Ziel erreicht. Sicher ist das nicht: Bis jetzt hat noch jedes Thema, das irgendwie mit Gentechnik zu tun hat, in Deutschland nichts als ideologische Grabenkämpfe ausgelöst.

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