7. Feb 2019

Ein langes Leben ist nicht erblich

Stammbäume mit 400 Millionen Menschen zeigen, dass die Lebenserwartung von der Umwelt abhängt. Das Erbgut hat nur einen geringen Anteil.

Gute Gene? Portrait einer alten Frau aus Zacatecas, Mexiko. Quelle: T. Castelazo

Es gibt Familien, da wird praktisch jeder alt, und es gibt Familien, in denen der Tod früher kommt. Man könnte daraus schließen, dass sich die Langlebigkeit mit den Genen vererbt. Tatsächlich ist diese Auffassung weit verbreitet, auch unter Wissenschaftler. Studien schätzen den erblichen Anteil an der Lebenserwartung auf etwa 15-30 %.

Das Problem dieser Studien war jedoch, dass sie nur auf begrenzten Datenmengen beruhten. Forscher analysierten oft nur auf eine Handvoll Familien über wenige Generationen. Im Zeitalter der günstigen Gentests bieten sich nun ganz andere Möglichkeiten, und vor allem das Interesse der US-Amerikaner an der eigenen Abstammung öffnet einen wahren Schatz. Die US-Firma Ancestry hat Millionen von Stammbäumen gespeichert, deren Anfang oft bis in das Europa des frühen neunzehnten Jahrhunderts reicht.

Stammbäume mit 400 Millionen Menschen

Diese Schatz an Daten hat nun die Firma Calico gehoben. Calico, eine Abkürzung von California Life Company, ist Teil der großen Google-Familie: Hochkarätige Wissenschaftler wollen dort die Biologie des Alterns klären, vielleicht sogar die Lebensspanne des Menschen verlängern. In der Regel hüllt man sich bei Calico in vornehmes Schweigen, doch kürzlich traten sie mit einer ihrer selten Publikationen an die Öffentlichkeit. Deren Ergebnis war durchaus unerwartet.

Es gibt Markern im Erbgut, die Hinweise auf die Herkunft bieten, und Ancestry hat sich auf deren Analyse spezialisiert. Viele der zahlenden Kunden speichern ihre Stammbäume bei Ancestry ab und geben sie für die Forschung frei. Die Stammbäume genügen nicht immer höchsten wissenschaftlichen Anforderungen, und Calico hat daher erst einmal große Mühe darauf verwendet, diese – natürlich anonymisierten – Daten statistisch zu bereinigen. Übrigen blieb dennoch eine stattliche Zahl: Stammbäume mit 400 Millionen Menschen, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert geboren wurden.

Auf den ersten Blick ergab deren Analyse nicht außergewöhnliches: Der Vergleich von Blutsverwandten (Eltern/Kind, Bruder/Schwester, Cousin/Cousine usw.) bestätigte den Eindruck, dass manche Familien etwas langlebiger sind als andere. Auch die Größe des erblichen Anteils – etwa 20-30 % – schien zu den bisherigen Studien zu passen.

Die assortative Paarung

Als nächstes schauten sich die Calico-Forscher auch angeheiratete, nicht blutsverwandte Familienangehörige an. Also etwa der angeheiratete Mann der Cousine. Hier gab es eine Überraschung: Es zeigte sich ebenfalls eine deutliche Korrelation in der Lebenserwartung, die beinahe so hoch war wie zwischen Blutsverwandten. Das Erbgut konnte eindeutig nicht beteiligt sein, und da die Verwandtschaft oft weit entfernt war, kam auch ein gemeinsamer Haushalt nicht als Ursache in Frage. Was war also die Erklärung?

Hier kommt ein Phänomen ins Spiel, das Evolutionsbiologen „assortative Paarung“ nennen: Die bevorzugte Bindung zwischen Partnern, die ähnliche Merkmale teilen. Bei der menschlichen Partnerwahl spielen die Merkmale Wohlstand und Bildung eine große Rolle – beides Faktoren, die auch die Lebenserwartung spürbar beeinflussen. Indirekt suchen Menschen also bevorzugt Partner, die eine ähnliche Lebenserwartung haben.

Mit dieser Erkenntnis erstellten die Calico-Forscher ein neues statistisches Modell, das die assortative Paarung mit einbezog. Und siehe da: Der Einfluss von blutsverwandten Angehörigen auf die Lebenserwartung beträgt nur noch etwa 7 %. Unter diesem Einfluss verstehen die Forscher jedoch nicht nur die Vererbung von Genen, sondern auch die Prägung von Gewohnheiten, die – gute oder schlechte – Auswirkungen auf die Lebenspanne haben. Der Anteil des Erbguts auf die Langlebigkeit liegt daher wohl noch deutlich unter 7 %.

Wie viele Gene werden Forscher noch finden?

Die bisherigen Studien hatten den genetischen Anteil an der Lebenserwartung offenkundig überschätzt, da ihnen der Einfluss der assortative Paarung nicht bewusst war. Aber dennoch sind diese Ergebnisse – so betonen auch die Forscher von Calico – nicht grundsätzlich falsch. Es gibt Gene, die mit dem Altern verbunden sind, und vielleicht haben diese bei einzelnen Familien auch eine prägende Wirkung. Im Großen und Ganzen ist ihr Einfluss aber gering.

Wie viele dieser Gene werden noch gefunden? Die Calico-Studie macht wenig Hoffnung, dass es noch allzu viele sein werden. Dennoch haben die Forscher ihren Datensatz nach diesen Genen durchforstet, und anscheinend ist eine weitere Publikation bereits auf dem Weg.

Fortsetzung folgt…

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