18. Mrz 2018

Nach 3,5 Milliarden Jahren mal was Neues – und keinen interessierts

Ein künstlicher genetischer Code erzeugt ein ungewöhnliches Protein, doch die wohl verdienten Schlagzeilen bleiben aus

Nicht spektakulär genug. Aber ein Novum in der 3,5 Milliarden alten Geschichte des Lebens: Ein Bakterium nutzt einen synthetisches genetischen Code, um ein fluoreszierendes Protein zu modifizieren. Quelle: Bill Kiosses, The Scripps Research Institute

Wenn etwas auf dieser Erde alt ist, dann der genetische Code: Seit 3,5 Milliarden Jahren besteht er aus den vier gleichen DNA-Basen, die sich in Dreiergruppen zu 64 Codons zusammenfinden, welche wiederum den Einbau von gut 20 Aminosäuren in Proteine steuern. Das ist der Fluss der genetischen Information, wie er seit Anbeginn des uns bekannten Lebens herrscht.

Und nun fügen Forscher synthetische Basen hinzu, erweitern den Code und manipulieren erstmals den gesamten Prozess von DNA zu RNA zu Protein. Doch niemand scheint sich wirklich dafür zu interessieren.

Warum? Wer oder was bestimmt, ob ein unbestrittener Durchbruch auch die verdiente Aufmerksamkeit erhält? Für mich ist das immer noch ein Buch mit sieben Siegeln.

Eine Fülle neuer genetischer Optionen – reicht das nicht?

Die eine oder andere Schlagzeile hätten Floyd Romesberg und seine Kollegen am kalifornischen Scripps Institut für ihren Erfolg definitiv verdient. Denn:

  • Sie haben in 20 Jahren Arbeit zwei neue synthetische DNA-Basen geschaffen, ein Novum in der Geschichte des Lebens.
  • Sie haben diese Basen stabil in das Genom von E. coli eingebaut, und dabei eine wirklich cleveren Trick angewendet.
  • Zumindest theoretisch haben sie dabei 152 neue Codons erzeugt, die ebenso viele künstliche Aminosäuren zugänglich machen.
  • Bakterien haben schließlich zwei synthetische Codons genutzt, um ungewöhnliche Aminosäure in ein Protein einzubauen.

Und das Großartige dabei: Alles funktioniert fast reibungslos.

Nicht zuletzt deshalb hat Romesberg wohl auch eine Firma gegründet, die Protein-basierte Medikamente verbessern soll – der erweiterte Code könnte also bald sogar schwer kranken Menschen helfen. Alles zusammen ein Erfolg, der eigentlich weithin gefeiert werden sollte.

Doch auch diese Aufgabe muss Romesberg selber übernehmen. Mit verstecktem Eigenlob bezeichnet er – wie ich glaube unzutreffend – seine manipulierten Bakterien als „semi-synthetische“ Organismen. Und in aufgesetzt wirkender Bescheidenheit fügt er hinzu: „Ich würde dies keine neue Lebensform nennen – aber von allem, was bisher gemacht wurde, kommt es dem am nächsten.“

Mit diesen Allüren erinnert er stark an Craig Venter, der vor einigen Jahren mit viel Tamtam den ersten „künstlichen Organismus“ präsentiert hatte. Und damit weltweit für so großes Aufsehen gesorgt hat, dass fast jede Zeitschrift seinem „Durchbruch“ eine Schlagzeile widmete. Romesberg hingegen wird ignoriert. Dabei hat er in einem Recht: Sein synthetischer Code ist wesentlich innovativer als das, was Venter mit der exakten Kopie eines Bakteriums abgeliefert hat.

Forsche Sprüche statt innovativer Forschung

Was hatte Venter, was Romesberg nicht hat? Sicherlich den prominenteren Namen – Venter ist seit dem Human-Genom-Projekt bekannt wie ein bunter Hund (für einen Genomforscher zumindest). Dazu immer für einen Aufreger gut, der klassische „guy you love to hate“.

Venter ist zudem ein Meister der großspurigen Behauptungen, mit einem Talent für griffige Formulierungen. „Die erste Zelle, deren Eltern ein Computer war“ – das muss man erst einmal toppen.

Und Venters synthetischer Organismus war auch sicherlich einfacher zu verstehen als die Erweiterung des genetischen Codes. Wenn die Details so vertrackt sind, dass nur Molekularbiologen sie gänzlich verstehen, fällt wohl auch die Resonanz der Medien dünner aus.

Der fatale Hype um CRISPR

Das hat sicherlich alles eine Rolle gespielt, aber letztlich war – so vermute ich – ein anderer Grund ausschlaggebend: Romesberg hatte einfach großes Pech mit dem Timing. Durch das weltweite Mediendorf wird nämlich gerade ein andere Sau getrieben.

Alles was mit Genetik oder Manipulation von Leben zu tun hat, wird zur Zeit von einem einzigen Schlagwort beherrscht: der Genschere CRISPR. Der Hype lässt einen glauben, dass auf einmal alles möglich und in Reichweite ist – bis hin zum Designer-Baby, das immer ausgepackt wird, wenn es richtig gruselig werden soll. Die öffentliche Imagination ist damit zur Genüge beschäftigt, das Kontingent an medialer Aufmerksamkeit scheint vollständig erschöpft.

Was lernen wir daraus? Dass der Hype ein eifersüchtiges Monster ist: Es drückt alles rücksichtslos an die Wand, was ihm etwas an Aufmerksamkeit rauben könnte. Romesberg wird wohl noch einige Zeit warten müssen, bis seine Arbeit die verdiente Anerkennung findet.

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