3. Aug 2015

Wellness als Wissenschaft: Alterstraum eines Genom-Pioniers

Eine junge US-Firma verbindet genetische Analysen mit intensiver Beratung – „scientific wellness“ soll das Ergebnis sein. Man könnte dies für Humbug halten, wäre da nicht der Gründer: Leroy Hood gilt als einer der klügsten Köpfe auf diesem Gebiet.

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Ohne ihn wäre die Genomforschung wohl nicht da, wo sie heute ist. Die Entzifferung des Erbguts, die Synthese neuer DNA-Fragmente oder sogar ganzer Gene – Leroy Hood baute die ersten automatischen Systeme, die dieses Feld entscheidend vorantrieben. Nebenbei war er beteiligt an der Gründung dutzender Firmen, darunter Schwergewichte wie Amgen und Applied Biosystems. Wenn Hood von seinem jüngsten Projekt nun sagt, es sei auch seine größte Herausforderung, weckt das natürlich die Neugierde.

Blut, Speichel, Urin

Nach dem ersten Blick auf diese „Herausforderung“ war ich aber – gelinde gesagt – eher enttäuscht. Hood gründete die Firma Arivale, deren Kunden alle drei Monate Proben von Blut, Speichel und Urin abgeben. Wissenschaftler durchleuchten dann das Erbgut und bestimmen die Kerndaten des Stoffwechsels. Ein Fitnesstracker zeichnet zusätzlich die körperliche Aktivität des Kunden auf. Nun die „innovative“ Leistung von Arivale: Ein Berater analysiert alle Daten und destilliert daraus „drei bis vier Ratschläge“.

Lasst mich raten: Einer davon heißt „treibe Sport“, und ein weiterer „ernähre dich gesund“.

Doch trotz des scheinbar wenig originellen Konzepts war der Start ein voller Erfolg. Investoren haben insgesamt 40 Millionen US-Dollar beigesteuert, und in kurzer Zeit meldeten sich über 1500 Kunden, die dafür 2000 Dollar im Jahr bezahlen wollen. Der Hauptsitz von Arivale in Seattle hat bereits 19 Mitarbeiter, und bald werden neue Kollegen in San Francisco dazukommen. Dann soll der Rest Amerikas erobert werden.

Ist die Zeit schon reif?

Die entscheidende Frage ist: Was kann eine genetische Beratung heute schon leisten? Die Firma 23andMe ist vor Jahren mit ähnlichen Ansprüchen angetreten (wenn auch ohne Beratung) – ihr Geld verdient sie jedoch mittlerweile mit etwas anderem. Diätberater gibt es in Massen, Fitnesstrainer sowieso. Ist es wirklich schon innovativ, wenn man die Bereiche Genetik, Ernährung und Fitness verbindet?

Auf der Gründungsfeier von Arivale berichteten drei der ersten Teilnehmer von ihren Erfahrungen. Einer hatte zu viel Quecksilber im Blut, eine weitere konnte komplexe Kohlehydrate nur schwer verdauen, und bei dem Dritten wurde die Erbkrankheit Hämochromatose entdeckt. Das ist ja ganz nett, aber auch nicht wirklich revolutionär. Althergebrachte Methoden hätten vermutlich das gleiche geleistet.

P4 umgesetzt

Aber wahrscheinlich ist meine Nörgelei ungerecht. Arivale verkörpert die Prinzipien der P4-Medizin, wie Hood sie formuliert hat: predictive, preventive, personalized, participatory. Dass diese Ideen nun zum Gemeinplatz geworden sind, ist ein Zeichen des Erfolgs – und nicht Anlass zur Kritik. Hood versucht, graue Theorie in die Wirklichkeit zu überführen. Und das ist ihm hoch anzurechnen.

Dazu kommt, dass die Zeit für Arivale spielt: Forscher lernen immer mehr über das Wechselspiel von Erbgut und Krankheit, und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis belastbare Vorhersagen möglich werden. Genügend Geld ist da, um die Zeit bis dahin zu überbrücken. Im Erfolgsfall wäre Hood wieder mal der visionäre Pionier, sein Ruf würde dann aber weit über die Forscherkreise hinausdringen. Ich jedenfalls drücke ihm die Daumen.

Quellen:
T. Bishop, GeekWire, Juni 2015: Genomics pioneer Lee Hood to unveil new startup Arivale, breaking new ground in ‘scientific wellness’

Bishop und Soper, GeekWire, Juni 2015: Genomics pioneer Lee Hood: New startup could be the Google or Microsoft of ‘scientific wellness’

Mehr dazu auf wissensschau.de:

Personalisierte Medizin: Therapie erst nach Genom-Analyse?

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