Zwei Krankheiten, zwei Gentherapien, sechs geheilte Patienten?

Sechs Kindern mit schweren Gendefekten geht es wesentlich besser, nachdem sie eine experimentelle Gentherapie erhalten haben. Die Behandlungen liegen schon zwei bis drei Jahre zurück, doch schädliche Nebenwirkungen – etwa die Entwicklung von Blutkrebs – wurden bislang nicht beobachtet. Entscheidend für den Erfolg beider Gentherapien war ein lentiviraler Vektor – ein veränderter AIDS-Virus zum Transport der Gene .

Die metachromatische Leukodystrophie (MLD) ist eine verheerende Krankheit. Sie setzt im frühen Kindesalter ein, verursacht schwerste neurologische Ausfälle und führt innerhalb weniger Jahre zum Tod. Eine Therapie gab es bislang nicht.

Schwere Störungen des Immun- und Gerinnungssystems gehören zu den Folgen des Wiskott-Aldrich-Syndrom (WAS). Ohne Behandlung haben Patienten eine Lebenserwartung von etwa zehn Jahren. Die Erbkrankheit kann durch eine Knochenmark-Transplantation geheilt werden, doch selbst wenn ein passender Spender gefunden wird, bleibt diese Therapie sehr risikoreich.

Patienten und deren Eltern können nun neue Hoffnung schöpfen – falls die ersten Experimente nicht trügen. Jeweils drei Kinder mit MLD und WAS wurden mit neuen Gentherapien behandelt, die am San Raffaele Telethon Institut für Gentherapie (TIGET) in Mailand entwickelt wurden. Allen Kindern geht es gut: Die MLD-Patienten entwickeln sich bislang nicht anders als gesunde Kinder, obwohl die Krankheit schon vor 7-21 Monaten hätte einsetzen müssen. Und die Kinder mit WAS bauen langsam ihr eigenes, funktionstüchtiges Immunsystem auf.

Beide Krankheiten werden durch die Mutation eines einzelnen Gens verursacht. Bei MLD ist das Enzym Arylsulfatase A nicht mehr aktiv, als Folge sammeln sich schädliche Stoffwechselprodukte an – die Zellen werden irreparabel gestört. Besonders im Gehirn hat dies dramatische Auswirkungen.

Die Forscher am TIGET haben eine fehlerfreie Kopie des Enzym-Gens in einen veränderten AIDS-Virus eingebaut. Die Krankheitsgene des Virus wurden vorher entfernt, AIDS kann er also nicht mehr übertragen. Wissenschafter bevorzugen daher auch den Begriff lentiviraler Vektor, um unschöne AIDS-Assoziationen gar nicht erst aufkommen zu lassen (HIV gehört zu den Lenti-Viren, und Vektor heißt nichts anderes als „Träger“).

Der Vorteil des lentiviralen Vektors: Er kann viele Genkopien gleichzeitig in Zellen transportieren. Und so entnahmen die TIGET-Forscher den Kinder Stammzellen aus dem Knochenmark, behandelten die Zellen mit dem Vektor und transplantierten sie mit dem funktionstüchtigen Enzym zurück in die kleinen Patienten. Die Stammzellen vermehrten sich prächtig, wanderten in das Gehirn und räumten dort die schädlichen Stoffwechselprodukte ab.

Etwa zwei Jahre liegen die Behandlungen jetzt zurück – es ist also noch viel zu früh, um von Heilung zu sprechen. Außerdem sind drei Patienten zu wenig für endgültige Aussagen. Aber die Forscher aus Mailand haben das Tor weit aufgestoßen und gezeigt, dass eine Heilung zumindest theoretisch möglich ist.

Die Gentherapie von WAS war – im Gegensatz zu MLD – kein völliges Neuland. Bereits vor einigen Jahren wurden WAS-Patienten mit Gentherapien behandelt, und anfangs liefen die Versuche sogar durchaus erfolgreich. Doch leider traten bald schwere Komplikationen auf: Einige Patienten erkrankten tödlich an Blutkrebs.

Diese ersten Gentherapien benutzten Retroviren, um das korrekte WAS-Gen (ein Bestandteil des Zellskeletts von Blutkörperchen) in Knochenmark-Stammzellen zu transportieren. Das Problem dabei: Retroviren lagern sich bevorzugt in die Nähe von Krebsgenen ein – und können diese dann aktivieren. Der tödliche Blutkrebs war also kein Zufall, sondern unvermeidliches Risiko bei der Verwendung von Retroviren.

Die TIGET-Forscher hofften, dass lentivirale Vektoren weniger gefährlich sind. Und der bisherige Therapieverlauf gibt ihnen recht: Keiner der Patienten erkrankte an Krebs, Veränderungen im Blutsystem waren nicht zu beobachten, und Krebsgene scheinen auch nicht aktiviert zu sein. Aber wieder gilt die Warnung: Die Behandlungen liegen maximal 30 Monate zurück, für endgültige Aussagen ist es noch zu früh.

Die Forscher vom San Raffaele Telethon Institut gehören schon lange zu den Wegbereitern der Gentherapie, und wurden nun wieder ihrem guten Ruf gerecht. Die von ihnen verwendeten lentiviralen Vektoren scheinen effizient und sicher zu sein. Nachdem erst vor kurzem erstmals eine Gentherapie (Glybera mit Namen) zugelassen wurde, hat das Feld nun einen weiteren kräftigen Schub erhalten.

Quellen:
Biffi et al. , Science Juli 2013: Lentiviral Hematopoietic Stem Cell Gene Therapy Benefits Metachromatic Leukodystrophy.

Aiuti et al. , Science Juli 2013: Lentiviral Hematopoietic Stem Cell Gene Therapy in Patients with Wiskott-Aldrich Syndrome.

Mehr dazu auf wissensschau.de:
Gentherapie: Das stille Comeback einer Hoffnung

7 Gedanken zu „Zwei Krankheiten, zwei Gentherapien, sechs geheilte Patienten?“

  1. Bei meiner Enkeltochter wurde MLD Ende Januar festgestellt. Sie konnte vorher schon nicht laufen. Vor etwa einem Jahr glaubten wir, dass sie jetzt das Laufen lernt, da sie ein paar Schritte gegangen ist. Anschließend konnte sie sich nur noch aufrecht bewegen, wenn sie sich an Möbeln oder Stülhlen festhielt. Da war sie noch keine 2 Jahre alt. Der Kinderarzt hatte noch keine Bedenken, weil sie noch nicht selbständig gehen konnte und so hatten meine Schwiegertochter und mein Sohn auch noch keine Bedenken, dass etwas mit ihrer Tochter nicht stimmen könnte. Als Sie nach mehr als 26 Monaten immer noch nicht selbständig laufen konnte, gingen sie mit ihr zur Uniklinik nach Essen. Zwischenzeitlich ging auch das Laufen schlechter, wenn man sie führte. Sie streckte immer das linke Bein seitlich hinaus, wie wenn es steif wäre. Nach langwierigen Untersuchungen stellten die Ärzte an der Uniklinik Essen Ende Januar fest, dass unsere Enkeltochter die unheilbare MLD hat. Sie konnte schon ab diesem Zeitpunkt nicht mehr in einem Kinderstuhl sitzen, ohne dass sie festgeschnallt wurde. Allerdings konnte sie noch Ende Februar aufrecht knieend am Boden sitzen. An den Möbeln und Stühlen entlang gehen konnte sie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Anfang Februar hat sie noch am Telefon zu meinem Geburtstag gesungen. Ab Ende März verschlechterte sich ihr Zustand sehr schnell und sie konnte nur noch liegen und auch nicht krabbeln. Ihre Füsse streckte sie spitzig nach unten und sie hatte auch Schmerzen, wenn man sie drehte oderin einen Buggy legte. Zwischenzeitlich hat sie des öfteren spastische Krämpfe. Sie hat auch so gegen Ende März nicht mehr sprechen können und hat auch seit Ostern dieses Jahres eine Magensonde erhalten, da sie nicht mehr schlucken kann. Wie der Augenarzt an der Uniklinik Düsseldorf sagte, kann unsere Enkeltochter auch nur noch hell und dunkel unterscheiden. Sie erhält laufend Schmerzmittel und die Schmerzen werden zwischenzeitlich so ziemlich beherrscht. Glauben Sie, dass eine Gentherapie an ihrem Zustand noch etwas verbessern könnte? Wann glauben Sie, dass die Krankeit ausgebrochen ist? War es vielleicht schon vor einem Jahr, als sie nicht allein zu laufen begann, da sie damals nach den ersten alleinigen Schritte nicht mehr versuchte, allein zu gehen oder erst später? Meine Schwiegertochter hat erst jetzt an der Uniklinik Tübingen am 24. Juni einen Termin bekommen für einen Klinikaufenthalt mit unserer Enkeltochter. Müsste auch bei einer Gentherapie die Immunabwehr durch eine Chemotherapie abgeschwächt oder ausgeschaltet werden? Wie hoch wären die Kosten und würden diese von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt.

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    • Ihre Schilderungen klingen wirklich dramatisch, was für ein schreckliches Schicksal!

      Leider wird auch eine Gentherapie vorerst nicht helfen können: Selbst im besten Fall wird es noch einige Zeit dauern, bis sie für alle Betroffenen verfügbar ist. Alle Versuche befinden sich noch in der Testphase. Ein Hersteller plant, im Jahr 2020 die Zulassung zu beantragen – aber ob dies realistisch ist und wie lange es danach noch dauert, kann heute niemand sagen.

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  2. Hallo

    Bei Mein Cousin brach die Krankheit vor 4 Jahren aus.

    Er hat ein Bruder der ist 4 Jahre alt. Er bekommt langsam auch . Man erkennt es an seine Hand Motorik.

    Bitte helfen Sie mir.

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    • Das tut mir sehr leid. Aber helfen kann ich leider nicht, denn wie oben bereits erwähnt: Eine lindernde Gentherapie wird frühestens in einem Jahr, vermutlich sogar erst deutlich später verfügbar sein.

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  3. Leider gibt es bis heute keine geeignete und erfolgreiche Gentherapie für MLD kranke Kinder.
    Unser Enkelsohn ist, 2 1/2 Jahre ist auch von dieser verheerenden Krankheit betroffen. Den Eltern sagte man nach der Diagnose. Genießen sie die Zeit mit ihrem Kind, die sie noch haben, in der das Kind noch etwas mitbekommt.
    Der Verlauf der Krankheit ist identisch mit der Beschreibung von Herrn Enderle, dessen Enkeltochter schon viele Fasen durch machte.Deshalb will ich keine weiteren Details der Krankheit anführen. Ich weiss nur eines, die Kinder kommen gesund zur Welt. Erst nach ca. 1 Jahr werden sie auffällig, weil das selbständige Laufen einfach nicht kommen will. Jetzt kann ich einfach nur sagen, dass es für alle schrecklich ist, zusehen zu müssen, wie das betroffene Kind nach und nach abbaut und zusehens leidet. Der verheerende Zerfall führt letztendlich zum Tod. Niemand weiss, wie schnell die Nervenzerstörung fortschreitet. Nur eines wissen wir. Die Pflege wird sehr aufwendig und die Lebenserwartung ist maximal 10 Jahre.
    Interessieren würde mich sehr, ob die Enkeltochter von Herrn Enderle noch lebt.

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  4. Die Gentherapie Libmeldy wäre natürlich ein Segen für solche Kinder. Profiteren tun aber nur Kinder, die in der Anfangsphase der Krankheit sind. Die Nerven, die schon geschädigt sind, können nicht mehr aufgebaut werden, so habe ich das jedenfalls verstanden. So ist es für viele zu spät. So auch für unser Enkelkind.

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