Krebsvorsorge – zu viel des Guten?

Dank Früherkennung erkennt man Krebs schneller – doch die Zahl der Todesfälle nimmt deshalb nicht unbedingt ab. Bei einigen Krebsarten besteht eher die Gefahr, dass verfrühte Diagnosen zu überflüssigen Behandlungen führen. Eine US-amerikanische Expertenkommission schlägt daher vor, die Vorsorge auf nachweislich gefährliche Tumore zu beschränken.

Eine frühe Diagnose kann manchmal schaden. Viele Tumore wachsen so langsam, dass sie niemals zu einer tödlichen Gefahr werden – der Betroffene stirbt lange vorher an Altersschwäche. Doch die Diagnose von Krebs erzeugt einen hohen emotionalen Druck, so dass Behandlungen in der Regel unvermeidlich werden. Deren Nebenwirkungen können schädlicher sein als die langsam wachsende Wucherung.

Drei führende Experten haben im Auftrag des US-amerikanischen Nationalen Krebsinstituts die Krebs-Statistiken zwischen 1975 und 2010 ausgewertet. Das Fazit: Nicht immer rettet die Früherkennung Leben. Auch wenn die Datenlage unübersichtlich ist, haben die Experten drei unterschiedliche Gruppen von Krebs ausmachen können.

Zu der ersten Gruppe gehören Brust- und Prostatakrebs. Hier hat die Früherkennung die Zahl der diagnostizierten Krebserkrankungen deutlich erhöht – vermutlich, weil auch ungefährliche Wucherungen mit erfasst wurden. Allerdings nahm in dieser Gruppe auch die Todesrate ab. Krebsvorsorge ist also grundsätzlich sinnvoll, aber es bleibt noch Raum für Verbesserungen.

In der zweiten Gruppe finden sich die eindeutigen Erfolgsgeschichten. Bei Darm- und Gebärmutterhalskrebs nahm nicht nur die Todesrate ab, sondern auch die Zahl der diagnostizierten Erkrankungen. Hier ist die Krebsvorsorge uneingeschränkt sinnvoll.

Schlecht sieht es bei Schilddrüsenkrebs und Melanomen aus. In dieser dritten Gruppe hat sich sich die Zahl der Diagnosen beinahe verdreifacht, die Todesrate ist aber gleich geblieben. Folglich blieb die Früherkennung weitgehend wirkungslos.

Die offenkundige Konsequenz aus diesen Erkenntnissen: Die Krebsvorsorge muss dringend überarbeitet werden. Im Fall von Brust-, Prostata-, Schilddrüsen und Lungenkrebs liegt der Zahl der übertrieben vorsichtigen Diagnosen viel zu hoch, und die daraus resultierenden Behandlungen stellen eine unnötige Belastung für die Patienten dar. Die Experten schlagen eine Reihe von Maßnahmen vor, um die Lage zu verbessern.

Vor allem gilt es, die Biologie von Krebs besser zu verstehen. Sobald die Unterschiede zwischen langsam wachsenden, ungefährlichen und schnell wachsenden, gefährlichen Tumoren besser verstanden werden, kann auch die Krebsvorsorge eine höhere Erfolgsquote erzielen.

Die Forscher schlagen auch vor, manche Krebsformen umzubenennen – und damit das Wort „Krebs“ aus der Diagnose zu entfernen. Dies würde den emotionalen Druck verringern und so unnötige Behandlungen vermeiden. Anstatt „Krebs“ wäre in manchen Fällen Formulierungen wie „papilläre Neoplasie mit geringem malignen Potential“ denkbar.

Die Experten betonen, dass sie keineswegs die Früherkennung abzuschaffen wollen. Aber sie fordern zu einer öffentlichen Diskussion auf: Die Medien sollen das Thema möglichst ausführlich und verständlich darstellen, damit sich Ärzte wie Patienten mit dem komplizierten Sachverhalt auseinandersetzen können.

Quellen:
Esserman et al. , JAMA 2013: Overdiagnosis and Overtreatment in Cancer

Mehr dazu auf wissensschau.de:
Krebs: eine Krankheit der Gene

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