Blastoide – künstliche menschliche Embryonen?

Stammzelllinien erzeugen Gebilde, die stark an frühe menschliche Embryonen erinnern. Dies wird die Forschung vorantreiben, aber auch ethische Diskussionen auslösen.

iBlastoide, unterschiedlich angefärbt (Quelle: Monash University)

Stammzellforschung und die Erzeugung menschlichen Lebens – seit dem Klonschaf Dolly ein Dauerthema. Gleich vier Forschergruppen haben nun Ergebnisse präsentiert, die dem ein weiteres Kapitel hinzufügen: Sie konnten mit pluripotenten Stammzellen die ersten zehn Tage der menschlichen Entwicklung nachstellen.

Dabei entstanden Gebilde, die sehr stark an Blastozysten erinnern – eine der frühesten Formen des menschlichen Embryos. Die Ähnlichkeit war so stark, dass die Forscher die Versuche in einer Phase stoppten, die einem Entwicklungsstand von 10 Tagen entspricht. Also deutlich bevor die 14-Tage-Regel greift, die die Forschung mit befruchteten menschlichen Embryonen reglementiert – der Verdacht einer ethischen Grenzüberschreitung sollte erst gar nicht aufkommen.

Blastoid vs. Blastozyste – ein Vergleich

Zwei dieser Arbeiten erschienen in Nature (aus Australien und den USA), die beiden anderen gibt es bislang nur als ungeprüften Preprint auf bioRxiv (aus China und den USA). Die Forscher nutzten entweder embryonale Stammzellen oder iPS-Zellen und kamen alle zu recht ähnlichen Ergebnissen. Ihre Gebilde – Blastoide genannt – ähnelten natürlichen Blastozysten bei folgenden Eigenschaften:

  • Größe, Gestalt, Zellzahl
  • Struktur: äußere Zellschicht, innerer Hohlraum, innere Zellmasse
  • essenzielle Zelltypen
  • Genaktivität

Doch es gibt auch auffällige Unterschiede. Die künstlichen Blastoide

  • enthalten weitere Zelltypen, die noch nicht identifiziert sind
  • entwickeln sich insgesamt langsamer
  • weisen eine eher unsynchronisierte Entwicklung der einzelnen Zellschichten auf

Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen: Künstliche, im Labor erzeugte Stammzelllinien verhalten sich beinahe so wie eine Eizelle nach der Befruchtung. Doch ob sich diese künstlichen Blastoiden auch zu einem lebensfähigen Fetus entwickeln können, erscheint im Moment eher unwahrscheinlich. Zumindest weiß man, dass die bereits seit 2018 bekannten Blastoiden aus der Maus sich nicht in den Uterus einnisten – eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung von Nachkommen.

Forschung vs. Ethik – der alte Streit

Der Forschung werden Blastoide wohl dennoch einen Schub verleihen. Aufschlüsse über die ersten Tage der menschlichen Entwicklung gaben bislang nur gespendete Blastozysten, die bei einer künstlichen Befruchtung übrig blieben. Deren Zahl ist naturgemäß eher gering. Blastoide werden wesentlich leichter verfügbar sein: Genetische Manipulationen und die Behandlung mit pharmakologischen Substanzen werden vermutlich bald zur Routine werden.

Doch natürlich lösen Experimente, die mit menschenähnlichen Organoiden durchgeführt werden, großes Unbehagen aus. Der katholische Erzbischof von Sydney, nebenbei ein promovierter Bioethiker, hat sie bereits in einem Zeitungsartikel scharf kritisiert: Die Heftigkeit erinnert stark an die Ablehnung, die der embryonalen Stammzellforschung vor etwa 20 Jahren entgegenschlug.

Die Erzeugung der Blastoide hat hierzulande bislang kaum Reaktionen ausgelöst, vermutlich weil alle voll und ganz mit der Pandemie beschäftigt sind. Zudem ist noch unklar, ob derartige Versuche in Deutschland zulässig wären. Es wird aber wohl nicht allzu lange dauern, bis das Thema auch hier auf die Tagesordnung kommt.

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