11. Feb 2015

Drei Eltern, ein Kind – ein massiver Eingriff mit Risiken

Großbritannien will die sogenannten Mitochondrien-Spende erlauben – den Austausch von Erbgut zwischen Eizellen. Was das für das Kind bedeutet, ist noch unklar.

Die Briten sind mal wieder Vorreiter in Sachen Biomedizin. Vor fast 40 Jahren setzten sie die künstlichen Befruchtung durch, und mit der Mitochondrien-Spende folgt nun der nächste Schritt – die gezielte Manipulation des Erbguts eines ungeborenen Kindes.

Seltene Krankheiten sollen so geheilt werden. Etwa eines von 5000 geborenen Kindern leidet an einer sogenannten Mitochondriopathie: Defekte in den „Kraftwerken“ der Zelle, die schwere und manchmal sogar tödliche Leiden auslösen. Diese Krankheiten sind – zumindest theoretisch – heilbar, wenn Ärzte die defekten Mitochondrien entfernen und durch funktionierende „Kraftwerke“ einer gesunden Spenderin ersetzen. Aber ob das auch in der Praxis funktioniert, ist unklar – niemand hat es bislang ausprobiert, noch nicht einmal in Tierversuchen.

Massiver Eingriff
„Mitochondrien-Spende“ – das klingt harmloser als es ist. Tatsächlich werden dabei nicht Mitochondrien gespendet, sondern das Erbgut einer Eizelle komplett ausgetauscht. Das Erbmaterial (genauer gesagt der Vorkern oder die Spindel) wird aus der mütterlichen Eizelle entfernt und in die entkernte Eizelle einer gesunden Spenderin überführt. Eindeutig eine massive mechanische Manipulation des empfindlichen Erbguts.

Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Eizellen diesen Eingriff unbeschadet überstehen, können weitere Komplikationen auftreten. So kann noch niemand mit Sicherheit sagen, ob das Erbgut der gespendeten Mitochondrien problemlos mit dem mütterlichen Kern harmoniert. Bei manchen Tierversuchen ging das nicht ohne Probleme, die zu erheblichen Schädigungen führten.

Bei der Prozedur verschwinden auch nicht alle Mitochondrien der erkrankten Mutter. Ein kleiner Teil bleibt vermutlich immer am mütterlichen Erbmaterial hängen und gelangt so in die neue Eizelle. Der schlimmste Fall dabei: Die defekten Mitochondrien reichern sich im Laufe der Zeit an und übernehmen wieder die Oberhand. Die Krankheit würde dann nicht verhindert, sondern nur verzögert.

Testlauf
In den 1990er Jahren gab es bereits eine Art Testlauf für die Mitochondrien-Spende. US-amerikanische Ärzte testeten eine spekulative Methode, um unfruchtbaren Frauen zu helfen: Sie spritzten in deren Eizellen winzige Mengen von Zellmaterial ein, das sie aus den Eizellen anderer Frauen entnommen hatten. Insgesamt 17 Kinder wurden nach diesem Eingriff geboren, bevor die Behörden weitere Versuche untersagten. Die Resultate waren zwiespältig. Ein Kind kam behindert zur Welt, und bei zwei Feten trat eine schwere genetische Störung auf: Eines der beiden X-Chromosomen war nicht mehr vorhanden (ein Fetus wurde abgetrieben, der andere starb bei einer Fehlgeburt).

Die Risiken sind also schwer kalkulierbar. Die künstliche Befruchtung ist dagegen noch ein Kinderspiel: Sie wiederholt nur einen natürlichen Prozess, wenn auch in ungewohnter Umgebung – dem Reagenzglas. Die Mitochondrien-Spende hingegen ist ein unnatürlicher und massiver Eingriff in die Entwicklung der Eizelle. Die Gefahr, dass etwas schief geht, ist um ein Vielfaches höher.


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2 Kommentare zu “Drei Eltern, ein Kind – ein massiver Eingriff mit Risiken

  1. Die gezielte Manipulation des Erbguts eines ungeborenen Kindes ist mit viel Risiko verbunden. Doch wurden schon Kinder durch diese Methode geboren. Ehrlich gesagt will ich auch bald ein Baby dank Mitochondrien-Spende bekommen. Aber das ist eine Technologie, wenn die Mitochondrien gespendet werden. Also es werden „aktiv funktionierende, gesunde Mitochondrien einer Spenderin in die Eizellen einer unfruchtbaren Patientin eingeführt, wodurch die Eizelle der Patientin die erforderliche Energie erhält, um eine erfolgreiche Schwangerschaft herbeizuführen.“ Da ich fast 40 bin, habe ich dank dieser Methode gute Möglichkeit um ein genetisch verwandtes Kind zu kriegen.

    • Meines Wissens nach gibt es noch keine Studie, die die Wirksamkeit dieser Methode eindeutig nachweist. Die von Ihnen zitierte Begründung (offenkundig aus einem Werbetext) ist geradezu hanebüchen.

      Sie würden sich hier auf ein Experiment einlassen, dessen Ausgang ungewiss ist. Um noch einmal aus meinem Text zu zitieren: „Ein Kind kam behindert zur Welt, und bei zwei Feten trat eine schwere genetische Störung auf“.

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