3. Feb 2020

iPS-Zellen für das menschliche Herz

In Japan wurde erstmals ein Herzpatient mit iPS-Zellen behandelt: Eine dünne Zellschicht soll helfen, geschädigtes Gewebe zu regenerieren. Ob es wirkt, ist fraglich – aber für die Zulassung ist diese Frage eh unerheblich.

Transplantationen sollen meist ein krankes Organ vollständig ersetzen. Die japanischen Ärzte, die vor wenigen Tagen in Osaka erstmals einen Herzpatienten mit iPS-Zellen behandelten, transplantierten jedoch lediglich eine hauchdünne Zellschicht, die nur einen kleinen Teil der Herzoberfläche bedeckt. In der Hoffnung, so Heilprozesse in dem schwerkranken Herzen zu aktivieren.

Über den Patienten ist wenig bekannt, außer dass er den Eingriff gut überstanden hat und bereits wieder auf die normale Station verlegt werden konnte. Er litt wohl unter einer schweren Herzschwäche (einer ischämische Kardiomyopathie), die häufig durch verengte Herzgefäße und Störung der Durchblutung ausgelöst wird.

iPS-Zellen von einem fremden Spender

Die Studie wird geleitet vom Herzchirurg Yoshiki Sawa, der in den nächsten drei Jahren neun weitere Patienten behandeln will. Auf die Operation folgt eine Beobachtungszeit von einem Jahr, um mögliche Nebenwirkungen aufzuspüren. Befürchtet wird vor allem die Entwicklung von Krebs – eine latente Gefahr bei den iPS-Zellen, die dank genetischer Manipulationen zu ungebremsten Wachstum fähig sind.

Die Vorläufer der verwendeten iPS-Zellen stammten nicht vom Patienten selber, sondern aus eingelagerten Proben eines gesunden Spenders. Im Labor züchteten die Ärzte aus ihnen eine dünne Schicht aus Herzmuskelzellen, etwa 4 bis 5 Zentimeter im Durchmesser und nur ein Zehntel Millimeter dick. Etwa 100 Millionen Zellen enthielt diese dünne Folie.

Bei der Operation hat Sawa diese iPS-Zellschicht auf der Oberfläche des Herzens positioniert. Die Zellen sollen dort Botenstoffe freisetzen, die das Wachstum von Blutgefäßen stimulieren, Entzündungen besänftigen und das Absterben von Muskelgewebe verhindern. Dieser „parakrine Effekt“ soll die Heilung des kranken Herzens unterstützen.

Dünne Daten, Studien ohne Aussagekraft

Allerdings – ob dies auch so funktioniert, ist momentan mehr als fraglich. Sawa hatte vor Jahren bereits eine ähnliche Studie durchgeführt, allerdings mit Muskelzellen aus dem Körper des Patienten. Der Erfolg blieb, um es wohlwollend zu formulieren, überschaubar.

Die Forscher um Sawa haben daraufhin begonnen, mit iPS-Zellen zu experimentieren. Versuche mit Schweinen sollen zeigen, dass die im Labor gezüchteten Stammzellen den natürlichen Zellen überlegen sind. Ein kurzer Blick auf die Daten lässt auch hier wenig Enthusiasmus aufkommen.

Mit dem ersten Patienten startet nun der Versuch, die Wirksamkeit der iPS-Zelltherapie im Menschen zu belegen. In dieser Form wird die Studie das allerdings kaum leisten können, sagt der Kardiologe Yoshiki Yui aus Kyoto. Zu wenig Patienten, keine belastbaren Kontrollen und eine fragwürdige Methodik.

Trotz allem – Zulassung bald möglich

Schon bei den Vorbereitungen der Studie scheint es Probleme gegeben haben. Eigentlich war der Eingriff schon für das Jahr 2018 geplant, zudem wurden die anfangs geplanten zwei Phasen auf eine reduziert. Sawa und seine Mitstreiter hoffen, so schneller die Zulassung für eine klinische Anwendung zu erhalten.

Die Chancen stehen tatsächlich nicht schlecht. Vor einigen Jahren wurden in Japan die (höchst umstrittene) Regelung eingeführt, dass experimentelle Stammzelltherapien nur erste Sicherheitsdaten vorweisen müssen, um eine vorläufige Marktzulassung zu erhalten. Erst in den folgenden Jahre muss die Wirksamkeit nachgewiesen werden, ansonsten wird die Zulassung wieder entzogen.

Wenn bei den ersten zehn Patienten keine schwerwiegende Nebenwirkungen auftreten, wäre die Zustimmung der Behörden wohl kaum mehr als eine Formalie. Die erste zugelassene iPS-Stammzelltherapie könnte also schon in vier bis fünf Jahren Wirklichkeit werden. Ob sie allerdings auch wirksam ist, werden wir erst sehr viel später erfahren.

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