Die künstliche Gebärmutter – Forschung auf Kollisionskurs

In Glasflaschen wachsen Embryonen der Maus bis zum Tag 12 heran, das entspricht etwa der fünften Woche der menschlichen Entwicklung. Eine mögliche Anwendung beim Menschen erfordert Fingerspitzengefühl – davon ist aber momentan wenig zu spüren.

Dieser März hatte einiges zu bieten: Erst künstliche menschliche Embryonen, dann eine künstliche Gebärmutter für Mäuse. Beides quasi zeitgleich verkündet. Doch während bei den Embryonen die akzeptierten Regeln respektvoll eingehalten wurden, löst ein Interview zu der künstlichen Gebärmutter bei mir reichlich Befremden aus.

Thema war immerhin eine Ektogenese – die Entwicklung von Lebewesen außerhalb des Mutterleibes. Eines der seltsam anmutenden Vorhaben, die Menschen so stark zu faszinieren scheinen. Im Buch „Schöne Neue Welt“ von Aldous Huxley wurde es weithin bekannt, später griffen zahlreiche Horrorfilmen darauf zurück.

Embryo in der Glasflasche

Also ein Thema, das stark mit negativen Bildern verbunden ist und daher mit Vorsicht diskutiert werden sollte. Doch davon ist beim Kopf der beteiligten Forschergruppe, Jacob Hanna vom Weizmann Institut in Israel, wenig zu spüren.

Doch der Reihe nach: Hanna und seine Kollegen haben fünf Tage alte Embryonen der Maus in ein Glasgefäß verfrachtet und mit reichlich Sauerstoff versorgt. Der Embryo hat seine Entwicklung etwa sechs weitere Tage fortgesetzt, also immerhin etwa die Hälfte seiner natürlichen Entwicklung durchlaufen. Das Ergebnis ist in der Abbildung oben zu sehen: kein ausgewachsenes Tier, aber eindeutig ein lebendes Wesen.

Bislang hat die Methode zwei große Limitationen: Die Entwicklung kann nicht an Tag 1 beginnen, da die Embryonen anscheinend noch einen kurzen Kontakt mit der Gebärmutter brauchen. Und am Tag 11 ist definitiv Schluss, weil der Embryo zu groß wird, um ihn über die Nährlösung mit Sauerstoff zu versorgen. Die Horrorvision einer vollständigen Entwicklung à la „Schöne Neue Welt“ liegt – zum Glück – unverändert in weiter Ferne.

Vorsicht: Ethische Dimension nicht ignorieren…

Ambitionen auf die Zucht von Menschen sind den Forschern auch vollkommen fremd, das hat Hanna deutlich formuliert. Und es gibt auch keinerlei Grund, ihm das nicht zu glauben. Aber wie ich oben schon gesagt habe: Lebewesen, die in Laborgefäßen heranwachsen, lösen unschöne Bilder im Kopf aus. Vor diesem Hintergrund muss man die Versuche auch diskutieren.

Und was macht Hanna, angesprochen auf die Forschung mit menschlichen Embryonen? In einem Gespräch mit Antonio Regalado für das MIT Technology Review x3 zeigt er zwar ein Grundverständnis für das Problem: „I do understand the difficulties. I understand. You are entering the domain of abortions.“

…schon passiert!

Aber was macht er daraus? Zu einer Übertragung der Methode auf menschliche Embryonen sagt er: „Once the guidelines are updated, I can apply… It’s a very important experiment.“ Vielleicht wäre ein Moment des respektvollen Zögerns angebracht?

Das Genehmigungsverfahren wird in einem halben Nebensatz abgehandelt: „… and it will be approved“. Eine sorgfältige Prüfung lässt das nicht erwarten.

Hat er die Diskussion mit Personen außerhalb der akademischen Forschung gesucht – nein. Stattdessen: „The ISSCR is my rabbi“ (die ISSCR ist eine internationale Organisation für Stammzellforschung). Die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung sieht anders aus.

Die Begründung für die Forschung: „If we can get to an advanced human embryo, we can learn so much.“ Aber für welchen Zweck? Kein Wort dazu.

Bitte mehr Fingerspitzengefühl

Eine mögliche Anwendung nennt hingegen ein Forscher aus Stanford: Die Gewinnung fetaler Gewebe, die im Labor heranwachsen und für Transplantationen eingesetzt werden. Die Ernte von menschlichen Organen also. Definitiv ein Thema, über das man erst einmal in Ruhe reden sollte.

Um es nochmal zu betonen: Hanna ist ein seriöser Wissenschaftler, dessen Begeisterung für sein Fachgebiet fast schon ansteckend ist. Aber hat er verstanden, dass Forschung immer auch eine ethische Komponente hat? Mit der dazu gehörigen Verantwortung? Wer so unverblümt einfach nur forschen will, bestätigt das Zerrbild des rücksichtslosen Wissenschaftlers. Und damit tut er niemandem einen Gefallen.

1 Gedanke zu „Die künstliche Gebärmutter – Forschung auf Kollisionskurs“

  1. Vielleicht sollten diese Art von Wissenschaftler in ihrer Inkarnation, wenn sie denn noch eine Chance überhaupt bekämen, dann als „Flaschenkind“ ihre eigene „Erfindung“ durchleben… mal sehen, ob das nicht helfen würde…???!

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