Protest gegen embryonale Stammzellen – interessiert das noch?

Die Initiative „Einer von uns“ will der embryonalen Stammzellforschung den EU-Geldhahn zudrehen. Sie hat 1,7 Millionen Unterschriften gesammelt und zwingt das europäische Parlament in eine Anhörung. Doch Aufsehen erregt sie damit kaum.

Interessiert das noch jemanden? Eine europaweite Bürgerinitiative protestiert gegen embryonale Stammzellforschung, mobilisiert fast zwei Millionen Unterstützer und drängt den höchsten europäischen Gremien ihre Agenda auf. Doch in den deutschen Medien findet sie keinen Widerhall. Die Diskussion dreht sich im Kreis – nicht zuletzt deshalb, weil konservative Kreise ihre eigenen Wertvorstellungen in den Mittelpunkt stellen.

2011 sprach der Europäische Gerichtshof ein Urteil, das große Besorgnis unter Stammzellforschern auslöste. Dem Bonner Forscher Oliver Brüstle wurde ein Patent entzogen, das eine besondere Anwendung von embryonalen Stammzellen absichern sollte. Die Folgen des Urteils waren damals schwer absehbar, im schlimmsten Fall hätte sogar die Streichung aller europäischen Fördermittel gedroht. Doch passiert ist seitdem wenig – sehr zum Leidwesen mancher Kritiker.

Die europäische Bürgerinitiative „Einer von uns“ ist ein Sammelbecken dieser Kritiker. Um sich Luft zu machen, nutzte sie eine kürzlich geschaffenes Instrument: Mehr als eine Millionen Unterschriften, gesammelt in mindestens sieben EU-Ländern, zwingen dem europäischen Parlament eine Anhörung auf. Die Initiative hat diese Hürde locker übersprungen und durfte am letzten Donnerstag nach Brüssel reisen.

Forderung eins: Streichung der EU-Mittel für die embryonale Stammzellforschung. Das zielt vor allem auf das Programm „Horizon 2020“, das weiterhin eine Förderung dieser Forschung ermöglicht. Für „Einer von uns“ ist das nicht vereinbar mit dem Urteil des europäischen Gerichtshofs.

Die zweite Forderung lässt jedoch aufhorchen: Streichung der EU-Mittel für die Familienplanung mittels Abtreibung. Stammzellforschung und Abtreibung – eine nicht ganz zwingende Kombination. Ein Blick auf die prominenten Unterstützer der Bürgerinitiative verrät, worum es eigentlich geht: Konservative Abgeordnete und Kirchenvertreter – darunter Papst Franziskus und sein deutscher Vorgänger – stellen eine deutliche Mehrheit.

Nicht die embryonale Stammzellforschung steht im Vordergrund, neue Impulse oder Diskussionsbeiträge sucht man vergebens. Es sind konservative Wertvorstellungen, die hier propagiert werden. Das ist wohl auch der Grund, warum die deutsche Presse nicht reagiert – der Neuigkeitswert geht schließlich gegen null (allein im Tagesspiegel findet sich ein kritischer Kommentar).

Die Aussichten auf einen legislativen Erfolg sind zweifelhaft: „Einer von uns“ kann die EU-Behörden zwar zu einer Anhörung, aber nicht zu einer Entscheidung zwingen. Und falls es die Absicht war, eine erneute Diskussion über embryonale Stammzellen anzustoßen, ging dies gründlich in die Hose. Das Pochen auf konservative Werte ist kein konstruktiver Beitrag zu einer Diskussion. Diese wird wohl erst wieder aufflammen, wenn neue Umstände eintreten – sei es ein sensationeller Therapieerfolg oder ein dramatischer Todesfall.

Nachtrag: Die EU hat die Petition von „Einer von uns“ im Mai 2014 endgültig abgewiesen.

Mehr dazu auf wissensschau.de:

Embryonale Stammzellen: Was sagt die katholische Kirche

Kein Patent auf embryonale Zellen: Moral statt Patienten-Wohl?

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