Stammzellen aus Toten – eine fragwürdige Idee

Aus eingefrorenen Blutproben von Verstorbenen haben Forscher Stammzellen erzeugt, die jedes Körpergewebe hervorbringen können. Dies soll Forschung und Medizin vorantreiben. Doch was hätten die toten Spender dazu gesagt?

Es sind verlockende Aussichten: Aus einzelnen Stammzellen entstehen Gewebe und Organe, die Menschen von schweren Krankheiten heilen. Das ist der Traum der Stammzelltherapie. Umso verlockender ist es, wenn eine fast unerschöpfliche Quelle für diese Zellen bereit steht. Doch wer die Proben von Verstorbenen dafür nutzen will, setzt ein wichtiges Gut aufs Spiel: das Vertrauen der Öffentlichkeit.

Forscher aus Los Angeles meinen, eine „enorme Bio-Ressource“ gefunden zu haben – pluripotente Stammzellen aus Blutproben von Verstorbenen. Angesichts der Möglichkeiten für Forschung und Medizin geraten sie fast ins Jubeln. Die ethischen Diskussionen der letzten Jahre scheinen sie dabei auszublenden.

Induzierte pluripotente Stammzellen (oder iPS-Zellen) sind eine der wichtigsten Entwicklungen der letzten Jahre: Sie haben die gleichen Fähigkeiten wie embryonale Stammzellen, gelten aber als ethisch unbedenklich – es müssen für sie keine Embryonen zerstört werden. Eine kleine Haut- oder Blutprobe von freiwilligen Spendern ist genug.

Ohne Zustimmung

Dazu müssen die Spender selbstverständlich vorher zustimmen. Den Forschern um Dhruv Sareen vom kalifornischen Cedars-Sinai Medical Center scheint dies zu umständlich: Sie nutzten Blutproben von Verstorbenen, um die iPS-Zellen zu erzeugen. Und da diese wohl noch nichts von iPS-Zellen wussten (die Technik wurde erst 2006 entwickelt), konnten zu Lebzeiten eine derartige Nutzung auch nicht untersagen.

Ich gehe davon aus, dass Sareen und seine Kollegen noble Motive haben: Sie wollen die Forschung vorantreiben und neue Therapien ermöglichen. Trotzdem – dieser Weg erscheint mir höchst fragwürdig. Das Gegenbeispiel wären Genomforscher: Sie diskutieren lang und breit, wie sie Probanden und Patienten vernünftig aufklären, sie in den Entscheidungsprozess mit einbeziehen und ihnen die Angst vor Missbrauch nehmen sollen. Und ausgerechnet Stammzellforscher – bei denen das Potential für Missbrauch wesentlich höher ist – nehmen hier einfach die Hintertür.

Sareen et al. haben wohl auch nicht mitbekommen, welches Unbehagen die Geschichte hinter den HeLa-Zellen ausgelöst hat. In den 1950er Jahren wurden der todkranken Henrietta Lacks Zellen entnommen, die schon bald überall auf der Welt in den Labors zum Einsatz kamen. Ohne Wissen und ohne Einwilligung der jungen Mutter oder ihrer Nachkommen. Was vor 60 Jahren schon ethisch grenzwertig war, ist heute absolut inakzeptabel.

Fortschritt?

Stammzellen von Toten – wo ist hier der Fortschritt? Alles, was die Forscher mit den Zellen der Verstorbenen anstellen können, das könnten sie auch mit Zellen von Lebenden tun. Der einzige Vorteil ist: Sie müssen niemanden um Erlaubnis bitten.

In der Pressemitteilung freuen sich die Forscher darüber, dass sie nun „den gesamten Darm von verstorbenen Patienten in der Petrischale“ erzeugen könnten. Merken sie nicht, dass sie damit unweigerlich das Bild des Doktor Frankenstein heraufbeschwören? Auch mich (ein Naturwissenschaftler mit reichlich Erfahrung in der Grundlagenforschung) beschleicht hier ein ungutes Gefühl: Ich möchte mit entscheiden, was mit Gewebeproben aus meinem Körper passiert – und das auch nach meinem Tod. Meine Zellen würden die nicht kriegen!
 

Quellen:
Barret et al., Stem Cells Translational Medicine, Dezember 2014: Reliable generation of induced pluripotent stem cells from human lymphoblastoid cell lines

Pressemitteilung Cedars Sinai, Dezember 2014


Mehr dazu auf wissensschau.de:

iPS-Zellen und Ethik: Zugriff auf die Keimbahn

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